Von Andreas Kohlschütter

Teheran, im Juni

Im Flüsterton wird er „Jallad“, „der Henker“, genannt. Assadol Lah Lajevardi, Teheraner Generalstaatsanwalt der für die politische Justiz zuständigen islamischen Revolutionsgerichte, ist wohl der meistgehaßte Mann des Chomeini-Regimes. Der einstige Holzfäller und Bazarhändler saß unter dem Schah 15 Jahre im Kerker: wegen Mitgliedschaft in einer rechtsextremen muslimischen Terrororganisation, die 1964 auch den damaligen Regierungschef Mansur umbrachte. Die islamische Jurisprudenz, die der revolutionäre Großinquisitor mit so schrecklicher religiöser Hingabe praktiziert, erlernte Lajevardi, wie er in einem ZEIT-Gespräch im Evin-Gefängnis zu Protokoll gab, „in der Moschee, im Wald und im Knast“.

Hier in Evin, dem noch zu Zeiten des Schah für rund 6000 Insassen erbauten, unter Chomeini dann zeitweise mit zwölf- bis fünfzehntausend Häftlingen grauenhaft überfüllten Zuchthaus am Stadtrand Teherans, führt Lajevardi das Kommando. Er stellt die Weichen für Leben und Tod. Er läßt verfolgen und verhaften. Seine Regie bestimmt über den Gang von Untersuchung, Befragung, „Bearbeitung“. Auch über den Urteilsspruch und letztlich die Exekution. Aus seinem Evin-Hauptquartier für Revolutionsgerichtsbarkeit verbreitet Lajevardi Angst und Schrecken. Niemand hat ihn je selber Hand an einen Gefangenen legen sehen. Hundertfache Zeugenaussagen identifizieren ihn jedoch als Anstifter des in Evin herrschenden physischen und psychischen Terrors.

Im zerfurchten Holzschnittgesicht, hinter dicker Hornbrille, fallen umweltverachtende Augen auf. Mit ihnen setzt sich der 46jährige Rachegeist nicht zuletzt gegen die auffallende Ächtung zur Wehr, die ihm sogar im Kreis der um Chomeini versammelten führenden Kleriker, Politiker und Militärs widerfährt. So lebt dieser Politiker ja auch, getrennt von Frau und Kindern, als Einsiedler hinter den schützenden Mauern und Gewehrläufen von Evin. Nur selten traut er sich, im rasenden Mercedes ohne Nummernschilder und mit verdunkelten Fenstern, aus seinem sicheren Revier heraus. Ein Asket, der sich der Blutjustiz verschrieb und seines Lebens nie mehr froh wird.

Alles an dem Kerl ist lumpenproletarisch derb: die tiefe Stirnnarbe, der klotzige Kopf, der ruppige Schwarzbart, der gedrungene feiste Leib, die dicken Finger. Der Lajevardi, der dem Evin-Besucher um sechs Uhr früh in Barfußlatschen, hochgerollten Hosen und mit einem roten Plastikeimer voll frischgespülter Wäsche entgegentritt, ist Biedermann, Bösewicht, Besessener zugleich. Sein wüstes Lachen, als er auf die Hinrichtung von Ex-Außenminister Ghotbzadeh zu sprechen kommt, läßt erzittern. Die Gehirnwäsche, körperlichen Züchtigungsqualen und Todesstrafen, die er den unter seiner Fuchtel eingesperrten „Gottesfeinden“ im Diesseits verschreibt, um ihren Eintritt ins Jenseits zu erleichtern und Allahs Zorn zu mildern, entspringt einer Mischung von Sadismus und Religionsfanatismus. Lajevardi soll tief gläubig sein, heißt es. Das macht ihn nicht besser, nicht minder furchterregend. Er bleibt ein Monstrum.

Die Kulisse von Evin paßt zu ihm. Beschönigende Grün- und Parkanlagen. Verführerische Blumenpracht, „fröhliche Gefangene“, die Topfpflanzen gießen und Rosen schneiden. Munteres Vogelgezwitscher, ein Hahn, der kräht – falsche Töne von Freiheit. Dabei lauert überall menschenfeindliche Unfreiheit. Unüberwindbare Eisentore, rohe Körperkontrollen, bei denen sich sogar die Wärter gegenseitig abtasten, blinde Gebäude mit Gitterfassaden, zuoberst Räume ohne Fenster, nur mit einem Luftschlitz und Grellichtröhren, dicke Gitterstäbe an einem Tunneleingang ins schalldichte Innere des Evin-Hügels. Vielleicht hin zu jenem berüchtigten, oft beschriebenen „Block vier“, wo geprügelt, gepeitscht, an den Füßen aufgehängt, bestialisch gefoltert wird? Merkwürdig viele körperlich Angeschlagene unter dem – auch weiblichen – Aufpasserpersonal. Einäugige, Schielende, Hinkende, Schlurfende, nervös Zuckende. Als hätten sich die von Gott Gepeinigten zusammengefunden, um nun hier in Evin als Peiniger im Namen Gottes zu wirken.