Womit werden Kinder im Fernsehprogramm vorzugsweise bedient: Kunst oder Trivialunterhaltung, Fiktion oder Realität, Alfie Atkins oder Daktari? Das Thema des diesjährigen Prix Jeunesse-Seminars in München (30. 5. – 2. 6.) hieß: „Phantasie und Wirklichkeit“ in Kinder-TV-Programmen. Wissenschaftler, Produzenten, Programmverantwortliche und Fachjournalisten aus 31 Ländern versuchten, in Forschungsberichten, Referaten und Streitgesprächen die Facetten der beiden schillernden Begriffe an international ausgewählten Beispielen kritisch zu prüfen. Phantasie als Märchen, poetische Imagination, Not-Idyll, Illusion, Chimäre, Science Fiction oder konkrete Utopie? Wirklichkeit als „soziologischer Realismus“‚ als Problemstück direkt aus dem Tonbandkoffer, als eine mit pädagogischer Politur aufgemöbelte Alltags-Langweilerei oder bis zur Unkenntlichkeit retuschierte Pseudo-Realität à lä „Boomer“ und „Lassie“? Dorothy Singer und Laureene Meringoff (Universitäten Yale und Havard) trugen Ergebnisse langjähriger Studien zur Bedeutung und Rezeption phantastischer Geschichten durch Kinder vor; Professor Halloran (Universität Leicester) stellte das Prix Jeunesse Forschungsprojekt „Bild der Familie im Fernsehen“ vor. Der Prager Filmautor Ota Hofman (Pan Tau, Luzie) hielt ein humorvolles Plädoyer für eine Renaissance und Kultur der Bildersprache und beschrieb Idee und Absicht seines jüngsten Projekts, der Science-Fiction-Komödie „Die Besucher“, die in diesen Tagen in Prag fertig geschnitten wird. Es war das Verdienst der Wiener Autorin Lida Winiewicz, daß sie am vorletzten Tag des Seminars polemisch, scharf, witzig die allzu griffigen Fertig-Metaphern auseinanderpflückte und jenen aufs Eskapistische heruntergekommenen Phantasiebegriff noch einmal präzise definierte. Mit „Hans und Lene“, ihrer hervorragenden TV-Serie (vom Südwestfunk produziert) demonstrierte die Publizistin, daß sie nicht nur scharf theoretisieren, sondern faszinierende praktische Modelle erfinden kann. Die rund 130 Seminarteilnehmer waren sich einig, daß penetrante Pädagogisierung von Kinderkultur nur Mittelmaß und biedere Langeweile bewirken. Der Prix Jeunesse, sagte Dr. Emrich, Initiator und Generalsekretär der Organisation, der die perfekt geplante, lebendige Tagung souverän leitete, sei ein Markt, auf dem jeder gute Ideen stehlen dürfe. Dazu gab es drei Tage lang Gelegenheit im Gespräch mit Autoren, Filmemachern und Kritikern aus aller Welt. Der einzige, der von diesem Angebot offenbar nicht Gebrauch zu machen wußte, war Helmut Oeller, Fernseh-Programmdirektor des Bayerischen Rundfunks. Menschen, die sich mit Kinderprogrammen beschäftigen, so resümierte er nostalgisch, „bedienen eine Programmlandschaft, in der mehr Sonnenkringel tanzen als im übrigen Programm-Garten“. Verdanken wir es dieser „Sonnenkringel“-Theorie, daß Bayern ab August 83 im ersten Programm acht Folgen des unsäglichen „Trotzkopf“ ausstrahlen wird?

Ute Blaich