Von Hansjakob Stehle

Rom, Ende Juni

Der Schlußakkord klang milde und ließ nichts mehr von jenen dramatisch-beschwörenden Untertönen hören, mit denen der Papst eine Woche lang sein Volk ermutigt und den Regierenden seiner Heimat in den Ohren gelegen hatte: "Schrittweise" und "in gegenseitigem Vertrauen" möge man die Krise überwinden; Rechte und Pflichten beider Seiten seien "eng verbunden"; so wünsche er den "verdienten Platz des polnischen Staates, der Polnischen Volksrepublik, unter den Nationen Europas und der Welt" gesichert zu sehen – so Johannes Paul II. am letzten Abend auf dem Krakauer Flugplatz.

Als der amtierende stellvertretende Chefredakteur der VatikanZeitung Osservatore Romano, Virgilio Levi, am nächsten Morgen aus der Umgebung des Papstes Informationen über Hintergründe der Reise einholte und sie mit ersten Analysen päpstlicher Diplomaten verglich, erschrak er. Als Polen-Kenner und -Freund hatte dieser (für ein Amtsblatt allzu engagierte) Priester-Journalist von Anfang an für die Solidarność und Lech Walesa geschwärmt. Jetzt erfuhr er, was der Papst widerstrebend, aber am Ende mit bitterer Einsicht hatte hinnehmen müssen: Walesa ist kein politischer Partner mehr, er soll "für ein höheres Gut", für den Versuch einer neuen Verständigung zwischen kommunistischem Regime und katholischer Nation geopfert werden – ein braver Held, aber politisch ein toter Mann. Ehre seinem Andenken! So unverblümt und salbungsvoll schrieb Virgilio Levi, überwältigt von eigener Enttäuschung, erfüllt aber auch von der Kirchenraison.

Die Kuriendiplomaten trauten ihren Augen nicht. Zu einer solchen Selbstdarstellung vatikanischer Pastoralpolitik – als Kunst des Menschenmöglichen, nicht frommer Wünsche – war es noch niemals gekommen, und gerade jetzt wirkte es ebenso peinlich wie schädlich. So gab es also kein Zögern: Um für Lech Walesa und eine erstaunte Welt die grausame Wahrheit wenigstens abzumildern, mußte sich Levi opfern: Er trat von seinem Posten zurück.

Erst drei Tage vorher, noch in Polen, hatte der vatikanische Pressesprecher beklagt, nichts stünde mehr "im Gegensatz zu den Absichten des Heiligen Vaters", als seiner Reise politische Intentionen zu unterstellen. Die Journalisten lächelten darüber. Aber es war die Wahrheit. Der Papst klammerte sich an die "ausschließlich religiöse und moralische Natur" seiner Reise und wollte fast bis zuletzt nicht wahrhaben, daß er auf eine politische Bahn, noch dazu auf eine etwas abschüssige, geraten war. Sein Staatssekretär Casaroli und der polnische Kardinal Primas Glemp waren es, die dann im Hintergrund die diplomatische Notbremse zogen. Sie ließen der von Tag zu Tag mehr verunsicherten Warschauer Regierung signalisieren, General Jaruzelski brauche nicht "nach Canossa", sondern nur nach Krakau zu gehen (freilich nicht mit ganz leeren Händen), wenn er einen für sich und das Land positiven Schlußakt setzen wolle. So wurde von "kirchlicher Seite" (wie das Kommunique sibyllinisch formulierte) angeregt, worum der General den Papst dann zu bitten hatte: die Hundert-Minuten-Begegnung im Wawel, der Königsburg. Nur wenige Stunden zuvor hatte die Bevölkerung von Nowa Huta, der Arbeiterstadt, so selbstbewußt wie keine andere vor dem Papst demonstriert, daß der Weg zur inneren Befriedung Polens an einer glaubhaften Lösung der Gewerkschaftsfrage nicht vorbeiführen kann. Vor allem dies und weniger die Aussicht auf eine formelle Beendigung des Kriegsrechts hat beim Gespräch im Krakauer Königsschloß den Papst und den General einander nahegebracht. Vielleicht näher als es-ihren Freunden da und dort lieb sein mag; nahe genug jedenfalls, um es jetzt dem Regime zu erlauben, seinen Schreck über den Abgrund, den der Papstbesuch vollends sichtbar machte, mit zweckoptimistischen Kommentaren zu übertönen.

Kann sich aber der General wirklich damit trösten, der Papst habe sich mit dem Ende der alten Solidarnosc durch die Aussicht auf eine "neue" abgefunden? Auch der private, menschlich rührende Abschied des Pontifex von Walesa in den abgelegenen Tatra-Bergen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß Jaruzelski zum innenpolitischen oder gar gewerkschaftlichen Dialog mehr denn je der Partner fehlt.

Selbst einen politisch weise gewordenen Walesa fänden die Sowjets noch unerträglich, und ein anderer Gewerkschaftsführer ist nicht in Sicht. Kardinal Glemp könnte eine Zeitlang dieser Partner sein, wenn ihn der Papst während der Reise dazu öffentlich legitimiert hätte. Statt dessen übernahm er selber die Rolle des Primas in einer Weise, die – mit oder ohne Absicht – Glemp im Schatten stehen ließ. Das könnte, falls dieser Eindruck nicht korrigiert wird, noch schwerwiegende Folgen haben. Denn Papst Wojtyla ist nach einer Prise frischer "Luft der Tugend", die er nach eigenen Worten in der Hohen Tatra genoß, nach Rom zurückgekehrt. Glemp und Jaruzelski jedoch ist jeder Höhenflug verwehrt. Sie müssen in der "dicken Luft" Polens weitermachen.