Es war der französische Geograph Emmanuel de Matonne, der den Südkarpaten in ihrem höchsten Abschnitt den Beinamen „Transsilvanische Alpen“ gab. Eine Ausschmückung, nach der heute das rumänische Touristenamt immer dann mit besonderer Vorliebe greift, wenn es den Hochgebirgscharakter des Massivs entsprechend herausstreichen möchte. Landläufig heißt es schlicht Fogarascher Gebirge, nach der einzigen Stadt zu seinen Füßen – einmal abgesehen von der Neugründung Victoriastadt, die sich weder als wirtschaftliches noch als kulturelles Zentrum herausbilden konnte.

Auch Fogarasch wirkt mit knapp 25 000 Einwohnern eher bescheiden und bildet für den Tourismus nicht unbedingt einen Schlüsselpunkt. Für den Aufstieg ins Gebirge liegen andere Ortschaften günstiger, und die einzige den Hauptkamm übersteigende Straße zweigt nicht etwa hier, sondern bei Arpaşu de Jos von der Nationalstraße 1 ab, gut 20 Kilometer westlich von Fogarasch (rumänisch Făgăraş). Dennoch gibt die Stadt auch der Senke den Namen, die dem Gebirgszug in seiner ganzen Länge vorgelagert ist, dem Fogarascher Land.

Nach Süden hin wird dieses Ländchen über seine ganze Ausdehnung vom rund 70 Kilometer langen Höhenzug der Transsilvanischen Alpen abgegrenzt – eine kompakte Kette von Gipfeln, Graten und Kesseln, die sich in nur zehn Kilometer Entfernung von den Hirtendörfern der Senke bis zu 2500 Meter auftürmen. Nirgends sonst in Rumänien zeigen sich die Karpaten alpiner, nirgends sonst liegen so viele Zweitausender so dicht beieinander.

Den Hauptkamm der Fogarascher „gemacht“ zu haben, gilt in Siebenbürgen gewissermaßen als Befähigungsnachweis für Unternehmungslust und sportliche Leistung. Das Nerlinger-Denkmal auf dem Grat und der Gedenkstein am Gemsensee erinnern daran, daß der Hauptkamm lebensgefährlich sein kann. Auch die ortsüblichen Bezeichnungen besonders schwieriger Wegstellen wie „La trei paşi de moarte“ – ins Deutsche übertragen „Drei Schritte vom Tod“ – klingen nicht gerade ermunternd. Die makabre Humorigkeit dieser und ähnlicher Benennungen ist leider nicht ohne konkreten Bezug. Zehn Bergtote im Jahr weist die Statistik nach. Vor wenigen Jahren wurde eine ganze Schulklasse von einer Lawine verschüttet. Oft allerdings sind die tragischen Unfälle eine Folge mangelnder Bergerfahrung. Dennoch sind die Fogarascher (nach dem Butschetsch im Prahovatal) am meisten begangene Gebirge des Landes.

Juli, August und September sind die besten Wandermonate. Gipfel und Grate sind schneefrei; mit guter Fernsicht kann gerechnet werden. Bedenkt man, daß die Wetterumstürze in dieser alpinen Region der Südkarpaten überraschend kommen können, und daß die Schutzhütten in der Regel einen ganzen Tagesmarsch voneinander entfernt sind, dann lassen sich unangenehme Überraschungen leicht vermeiden.

Die gesamte Wanderstrecke auf dem Hauptkamm ist über 90 Kilometer lang, wobei nur gelegentlich eine Kuppe umgangen oder eine Spitze ausgespart wird. Anders ausgedrückt: Sie bestellt aus einer pausenlosen Folge steiler Auf- und Abstiege, entsprechend der eindrucksvollen Zähnung der Kammlinie. Was sich aus der Ferne besehen so eindrucksvoll ausnimmt, wird hier zur harten Herausforderung. Die Markierung (rotes Band) führt über 40 Gipfel, zu sechs Gletscherseen hinab, durch Scharten und Kamine, über Geröllhalden und Felstrümmer. Dabei sind Höhenunterschiede bis zu tausend Metern zu überwinden. Und das sieben Tage hindurch, denn genauso viele Etappen sieht ein Durchstieg des Hauptkamms vor, wobei für einen Tagesmarsch im Schnitt acht Stunden angesetzt sind. Ein leichter Rucksack bleibt Illusion, da neben Wäsche, Wollsachen und Regenschutz etwas Proviant und die Wasserflasche nicht fehlen dürfen. Auf den Photoapparat möchte man selbstverständlich auch nicht verzichten, ebensowenig auf das Fernglas.

Nach allen Richtungen hin ist das Land nämlich weithin überschaubar: Nach Süden, ins Muntenische hinüber, wird eine breit ausfächernde Beigwelt mit großflächigen Almen und den sich an linken Rand auftürmenden Gebirgsstöcken des Butschetsch und des Iezer sichtbar; nach Norden der jähe Absturz ins Fogarascher Ländchen, hinter dem sich das gewellte siebenbürgische Hochlaad hinbreitet – zweitausend Meter tiefer gelegene Wälder und Äcker und eine Ahnung ferner Städte. Der stellenweise nur schrittbreite Grat, hoch über der Waldgrenze gelegen, verwöhnt auf ganzer Länge mit einem grandiosen Rundblick, dem vorgelagerte Bergkessel, Gletschertäler, Schründe und Scharten dramatische Akzente verleihen.