Margaret Mead, magna mater der amerikanischen Kulturanthropologie, hat zwischen 1925 und 1933 mehrere Jahre bei Naturvölkern in der Südsee verbracht, nicht als Touristin, auch nicht als Grün-Alternative, sondern in wissenschaftlicher Absicht. Ein Niederschlag ihrer Studien sind die berühmten Bücher über Erziehungsweisen, Jugend, Geschlechtsrollen und Sexualität in primitiven Gesellschaften, in den USA vor dem Zweiten Weltkrieg erschienen, in Deutschland erst lange danach.

Was war der Sinn dieser Aufenthalte bei den Samoanern, den Manus, Arapesh, Mundugumor, Tchambuli? Und welche Fragen haben Meads Untersuchungen geleitet? Was ist ihr bleibender, der wissenschaftliche und der politische Ertrag?

Die Probleme, denen sie nachging, wandelten sich mit dem Wandel der geistigen Strömungen in ihrem eigenen Land. Auch Meads Deutungen haben sich verschoben. Sie zog aus, die Gestaltbarkeit der menschlichen Natur zu studieren, die Formung der Menschen durch ihre Gesellschaften: Wie stellt sich „Jugend“ unter verschiedenen sozialen Bedingungen dar? Und wie ordnet man anderswo die Beziehungen zwischen den Geschlechtern? Schließlich die Frage, ob es möglich sei, durch eine veränderte Erziehung die ganze Gesellschaft zu verändern.

Auch außerhalb der Kulturanthropologie und ihrer Nachbarwissenschaften sind das inzwischen geläufige Fragen, von den Protest- und Naturbewegungen populär gemacht. Mead gibt Antworten, indem sie die Variationen primitiver Sozialstrukturen und Verhaltensregeln beschreibt.

„Primitiv“ bedeutet hier: einfache Werkzeuge, Nahrung aus der ungehegten Natur, wenig Arbeitsteilung, geringe soziale Distanzen, kaum Rangunterschiede und Ungleichheit. Selbst dort, wo man eigensüchtige Ziele prämiiert, etwa bei den Manus, die Hundezähne aufhäufen wie wir das liebe Geld, wachsen die Kinder freundlich auf. Ein Kind hat viele Mütter, ein Jugendlicher viele Gefährten, wer auf kleinen Menschenbeinen daherkommt, muß sich auch außerhalb des Familienhauses nicht fürchten. Verborgen bleibt ihm nichts, weder die elementaren Lebensereignisse zwischen Geburt und Tod noch Arbeit und Zeremoniell der Erwachsenen. So lernt man, was einen erwartet, und nimmt es als selbstverständlich hin. Schwierige persönliche Entscheidungen werden nicht verlangt. Kommt bei den Mundugumor ein Kind mit der Nabelschnur um den Hals zur Welt, dann ist es zum Maler bestimmt, der eines Tages verschlungene Muster auf Baumrinde malt. Die anderen haben ebenfalls klare Wege vor sich.

Unter solchen Bedingungen wollen Jugendliche, was sie sollen. Rebellionen kennt man nicht, nur persönliche Abweichungen von der Norm. Auch die Frauen fügen sich in die ihnen angesonnenen Aufgaben und Verhaltensformen ein, die von Volk zu Volk variieren, aber überall ein gewisses Maß an Unterordnung mit sich bringen. Keine der von Margaret Mead untersuchten Kulturen war matriarchalisch organisiert.

In den von ihr gezeichneten Bildern primitiver Gesellschaften fehlen die düsteren Stellen, zum Beispiel Krankheiten. Konflikte werden nicht ausgespart, aber sie erscheinen als einigermaßen gut lösbar. Lebensgefährliche Bedrohungen kommen in den Darstellungen nicht vor.