Stuttgart: „Jacoba van Heemskerck 1876–1923: Eine expressionistische Künstlerin“

Jacoba van Heemskerck war zu ihren Lebzeiten keineswegs eine unbekannte Künstlerin, Herwarth Waiden, mit dem sie eine langjährige Freundschaft verband, veröffentlichte regelmäßig Arbeiten von ihr in der Zeitschrift Der Sturm (und propagierte ihre Kunst bei den „Sturm“-Ausstellungen). Sie zeigte ihr Werk Amsterdam, Paris, London und Berlin, die Kunstkritik beschäftigte sich mit ihrem Schaffen. Und doch war die Malerin wenige Jahre nach ihrem Tod praktisch vergessen, irgendwie ist sie aus dem Raster herausgefallen, mit dessen Hilfe man damals das Gelände der Moderne kartographierte. Aus heutiger Sicht sind die 1921/22 entworfenen, zum Teil erst nach ihrem Tod ausgeführten Glasfenster für öffentliche Gebäude in Amsterdam ganz auf der Höhe der Zeit, nicht ohne weiteres allerdings der einen oder anderen Richtung eindeutig zuzuordnen. Die Glasmalereien sind abstrakt, geben gelegentlich aber gegenständliche Hinweise, ihre Komposition gründet auf Geometrie, die jedoch nicht mit gleicher Konsequenz angewandt ist wie bei „de Stijl“ oder im Konstruktivismus – irritierende Momente, die in einer Zeit künstlerischen Purismus den Verdacht nahelegte, hinter solcher Nichtfestlegung verberge sich ängstliche Unentschlossenheit. In Wirklichkeit spiegelte Jacoba van Heemskercks relativ offene Haltung ihre tiefsitzende Abneigung gegen jede Art von Dogma. „Mondrian ist ganz erstarrt“, berichtet sie Anfang 1915 Walden über die neuesten Arbeiten des Künstlers, der sie kurz zuvor noch entscheidend beeinflußt hatte, „gar keine Poesie mehr.“ Poesie, das war für sie in erster Linie Gefühl, das sich durch Farben mitteilte (ihre Ansichten über die Wirkung der Farbe auf das Gefühl waren stark geprägt durch Rudolf Steiners Überlegungen zu diesem Thema, der seinerseits sich auf Goethes Farbenlehre berief). Jacoba van Heemskerck, die Mondrian und „de Stijl“ ablehnte, aber ganz begeistert war von Kandinsky und seinem Anruf des Geistigen in der Kunst, gab in ihrer spontanen, heftigen (manchmal auch heftig mißlungenen) Malerei Antworten auf Fragen, die um 1920 eigentlich sich gar nicht aufdrängten. Die jungen Maler von heute haben jedoch Fragen, auf die sie bei der lange vergessenen Künstlerin vielleicht Antworten finden. Offenbar ist Jacoba van Heemskerck im richtigen Augenblick wiederentdeckt worden – oder ist sie wiederentdeckt worden, weil der Augenblick dafür günstig war? (Die Ausstellung, die im Berliner Haus am Waldsee Premiere hatte, ist im Württembergischen Kunstverein bis zum 24. Juli, anschließend im Saarland-Museum, Saarbrücken, im Rheinischen Landesmuseum, Bonn und in der Städtischen Galerie Erlangen; Katalog 28 Mark) Helmut Schneider

Köln: „Kunst mit Photographie“

Acht Jahrzehnte ist es her, daß Alfred Stieglitz der Photographie die Anerkennung als Kunst erkämpfte, und nun macht sie ihr einer streitig: Rolf H. Krauss, Photosammler, Theoretiker und bisweilen selbst Photokünstler, trennt Kunst radikal von Photograhie. „Wenn Photographie aus Gedanken über Kunst hervorgeht“, so sagt er in Abwandlung eines Satzes von Sol LeWitt, „dann ist sie Kunst und nicht Photographie.“ Dies ist der Angelpunkt einer faszinierend vollständigen Sammlung, die Krauss unter dem Titel „Kunst mit Photographie“ zuerst in der Berliner Nationalgalerie vorgestellt hat und die jetzt im Kölnischen Kunstverein als erster Station einer längeren Tournee zu sehen ist. Die Aufwertung photographischer Techniken zu – neben Pinsel oder Stift – gleichberechtigten Materialien des Künstlers hat in den sechziger und siebziger Jahren zu einer eigentümlichen Verwendung von Photographie innerhalb künstlerischer Arbeiten geführt, die im weitesten Sinne der Concept Art zuzurechnen sind. Nicht das Werk in seiner ästhetischen Erscheinung, wie schön sie auch sein mag, steht im Vordergrund, sondern das Konzept des Künstlers, der sich des Werkes lediglich als Handlungsanweisung oder Dokumentation bedient, wo er nicht, wie in den radikalsten Arbeiten Kosuths oder Hueblers, die Ausführung dem Betrachter als dem Empfänger der Botschaft überläßt. Happening und Fluxus, später auch die Performance-Künstler, benutzen die Photographie, meist mit erläuternden Texten versehen und zu Tableaus montiert, als einzigen Zeugen des eigentlichen Werkes, das in seinem zeitlichen Ablauf zugleich entsteht und vergeht. Die Verbindung von Bildern und Texten führt zur bloßen Assoziation möglicher Handlungen (und Gefühle) in der „Story art“, die vom Amateurphoto bei Roger Welch bis zur ausgereiften Proflaufnahme bei Dan Graham alle technischen Möglichkeiten umfaßt. Die Arbeiten von Les Levine und John Hilliard bilden in ihrem Raffinement die Brücke zur Untersuchung der Photographie selber, sei es in der strikten Beschäftigung mit dem technischen Prozeß, wie bei Mulas oder Koliusis, oder in der Rückkehr zur bloßen Abbildfunktion, wie in den Architekturserien der Bechers. Die vehemente Grenzziehung zwischen Kunst und Photographie wird damit fließend, zumal die anfänglich als ein Medium unter vielen eingesetzte Photographie inzwischen wieder zum monumental präsentierten Selbstzweck geworden ist. So betrachtet Krauss seine Sammlung auch als „abgeschlossen“: Bild einer Epoche, die aus dem Kopf lebte und aller traditionellen Kunst mißtraute. (Kunstverein bis 7. 8., Katalog 39 Mark). Bernhard Schulz

Wichtige Ausstellungen

Düsseldorf: „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ (Städtische Kunsthalle bis 10. 7., Katalog 45 Mark)

Frankfurt: „Julio Gonzalez – Seine Skulpturen, Zeichnungen und Bilder“ (Städelsches Kunstinstitut bis 14. 8., Katalog 27 Mark)