"Wir Fusionsforscher sehen uns etwas in der Rolle des Prometheus ... weil wir, wie Prometheus, das Feuer der Sonne auf die Erde holen wollen",

Professor Arnulf Schlüter,

Direktor am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München.

Geschwärmt haben die modernen Nachfolger des Prometheus lange genug. Das Sternenfeuer wollen sie vom Himmel holen; die Kraft, welche die Sonne scheinen läßt, auf Erden entzünden – friedlich, versteht sich. Denn unfriedlich haben sie den Trick der Kernfusion schon lange raus: mit der Wasserstoffbombe.

Nun, nach drei Jahrzehnten Forschung und 25 Jahren vollmundiger Versprechungen sind die Sternenfeuer-Freunde endlich am "Ende des Anfangs" angelangt, wie sich ein amerikanischer Physiker ausdrückt: Sie verfügen seit Montag dieser Woche zum erstenmal über eine Maschine, mit der zumindest im Prinzip der wissenschaftliche Nachweis erbracht werden kann, daß sich die urgewaltige Energie der Atomkernverschmelzung auch auf der Erde zähmen und somit – vielleicht, vielleicht – technisch oder gar wirtschaftlich nutzen läßt.

Prometheus ’83 befindet sich also in etwa in der gleichen Position wie die Gebrüder Wright vor ihrem Start zum ersten Motorflug am 17. Dezember 1903. Das Kitty Hawk der Fusionsforscher liegt einige Kilometer südlich der alten englischen Universitätsstadt Oxford auf dem Gelände des britischen Atomforschungszentrums Culham. Dort ging am Montag die bei weitem größte Fusionsmaschine der Erde in Betrieb: der Joint European Torus, ein kurz JET genanntes Gemeinschaftsprojekt der neun EG-Länder sowie Schwedens und der Schweiz. Das Gerät mit der reifenförmigen Brennkammer ("Torus", siehe großes Photo) tut gute Chancen, als erste Anlage in den Bereich des Sternenfeuers – des thermonuklearen Brennens – vorzustoßen.

Vielleicht gelingt den Fusions-Pionieren jedoch nach langem Anlauf, vielen Milliarden Mark Forschungsgeldern und trotz der möglicherweise kompliziertesten Maschine der Menschheitsgeschichte nur ein Fehlstart. Denn so imposant JET auch ist – es handelt sich nur um einen wissenschaftlichen Versuch. Und Forschungsexperimente sind immer risikobeladene Schritte ins Unbekannte.