Trotz gelegentlicher Rückschläge ist die Mehrzahl der Börsianer der Meinung, daß die am Aktienmarkt Ende April registrierten bisherigen Jahreshöchstkurse schon bald überschritten werden. Grundlage für diesen Optimismus ist das anhaltende Interesse der Ausländer an deutschen Aktien. Sie hoffen doppelt zu verdienen. Einmal an dem allgemein erwarteten weiteren Aufschwung der Kurse, zum anderen aber auch an der Marie, der gegenüber dem Dollar eine kräftige Erholung vorausgesagt wird. Eine These, die nach den Schwankungen der vergangenen Tage allerdings nicht mehr unumstritten ist.

Vom Beginn der Aktien-Hausse an kaufen die Ausländer gezielt deutsche Qualitätsaktien mit möglichst breitem Markt. In der vorangegangenen Woche profitierten davon vor allem die deutschen Autowerte, die neue Höchstkurse erreichten. In diesem Jahr – so behaupten die Sachverständigen – wird sich die Ertragslage der deutschen Autokonzerne deutlich verbessern. Bei Daimler wird ein Ertrag je Aktie von 65 Mark prognostiziert. Dann ergäbe sich bei einem Börsenkurs von 565 Mark ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 9, das im internationalen Vergleich hervorragend ist und zu weiteren Daimler-Käufen geradezu einlädt.

Mit einem Kurs von 377 Mark ist die BMW-Aktie zwar optisch billiger. Bei einem für 1983 geschätzten Gewinn je Aktie von „nur“ 29 Mark ergibt sich bei ihr jedoch ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 – und das ist international durchaus angemessen.

Neuen Schwung in die Autoaktien hatte einmal der Anstieg der Mai-Zulassungen für Pkw gebracht, vor allem aber die Nachricht, wonach sich Kuwait nun auch am Volkswagenwerk mit knapp zehn Prozent beteiligt hat. Kuwait soll dem Vernehmen nach sein Engagement in der deutschen Industrie weiter verstärken. Bekannt gewordene Beteiligungen bestehen schon bei Daimler, Metallgesellschaft, Hoechst und Korf-Stahl. Gerüchtweise verlautete, daß möglicherweise auch Kuwait hinter den gezielten Aufkäufen von Commerzbank-Aktien steht. Bei Siemens – so Börsengerüchte – sei Kuwait ebenfalls mit einem nennenswerten Betrag eingestiegen.

Nur so sei zu erklären – heißt es in den Börsensälen daß der Kurs der bisher dividendenlosen Commerzbank-Aktie über dem der Dresdner Bank liegt. Ob dieses „Mißverhältnis“ auch auf die Sanierung von Hapag-Lloyd zurückzuführen ist, die von den drei Großaktionären Deutsche Bank, Dresdner Bank und der Allianz-Gruppe große Opfer abverlangt, läßt sich im Augenblick nicht klären. Eines scheint aber festzustehen; Der gegenwärtige Kurs der Hapag-Lloyd-Aktie von 47 Mark ist angesichts des bevorstehenden scharfen Kapitalschnitts mehr ab geschmeichelt. Möglicherweise ist im „Binnenland“ noch nicht voll erkannt worden, wie schlecht es um Hapag-Lloyd steht, und wie schwer es sein wird, das Unternehmen überhaupt wieder auf einen erfolgversprechenden Kurs zu bringen.

Grundsätzlich läßt sich aber sagen, daß überlegter als noch vor einigen Wochen „gekauft“ wird, besonders von inländischen institutionellen Anlegern. Die Versicherungen bemühen sich, über ihre Individualfonds abseits der bekannten Standardaktien Qualitätspapiere mit guten Aussichten zu entdecken.

Dabei stößt ihre Aufmerksamkeit zunehmend auch auf die Spitzenwerte des deutschen Maschinenbaus, von dem angenommen wird, daß er Ende dieses Jahres seine Konjunkturelle Talsohle verläßt. Bei MAN will man bereits einige hoffnungsvolle Aspekte entdeckt haben. Davon profitierte dann auch der Kurs der GHH-Aktien.

Zu neuen Höchstkursen ist in dieser Woche die Allianz-Aktie gekommen. Im Versicherungsgeschäft zeichnet sich ein erneut besseres Ergebnis ab, im Vermögenssektor – so schreibt die westdeutsche Landesbank – kann das Unternehmen die Früchte der Hochzinsphase, in der zu günstigen Konditionen hochverzinsliche Titel erworben wurden, jetzt ernten. Sieht man von dem Fall Hapag-Lloyd und einigen anderen Schwachstellen im Portefeuille ab, dürfte es keine ins Gewicht fallenden Abschreibungen geben. K. W.