Von Joachim Nawrocki

Berlin, Ende Juni

Wollt Ihr einen reaktionären Präsidenten?“ fragen aufwendig gedruckte Plakate und Flugblätter, die überall in der Freien Universität Berlin (FU) aushängen. Der Präsidentschaftskandidat, Jura-Professor Dieter Heckelmann, sei als Mitglied der Hochschulgruppe Liberale Aktion „der Organisator des legalen Arms der Notgemeinschaft für eine freie Universität“; er wolle die Frauenforschung an der FU endgültig kaputtmachen; er sei ein Mann, der „sich einen Scheißdreck um die universitäre Selbstverwaltung kümmert“ und der „dem politischen Willen des Wissenschaftssenators Gestalt gibt“, wird da behauptet. Zu einem Teach-in gegen die Präsidentenwahl kamen gleichwohl nur etwa hundert Teilnehmer. Eine verschwindende Minderheit an dieser Mammutuniversität mit 50 000 Studenten und 13 000 Bediensteten.

Die Gremien der FU, der Akademische Senat und das Konzil, wollten einen Präsidenten Heckelmann. Mit Unterstützung auch linker Hochschulgruppen wählte ihn das Konzil am vorigen Dienstag im zweiten Wahlgang mit knapper Mehrheit. Vorher hatte Heckelmann nach allen Seiten hin Artigkeiten ausgeteilt. Er hat das Vorschlagsrecht für vier Vizepräsidenten. Bei der Auswahl, so ließ er wissen, wolle er alle bedenken: die „Liberale Aktion“, die Unabhängige Mitte, die Reformsozialisten und Linke Fraktion. Die Universität ist, ganz im Gegensatz zu den späten 60er und frühen 70er Jahren, weitgehend entpolitisiert.

Nur vordergründig ist die erste Wahl eines nicht-linken Präsidenten seit dem Ende der siebziger Jahre durch die Hochschulnovelle des CDU-Senats unter Richard von Weizsäcker begünstigt worden. Danach war dieses Verfahren vorgeschrieben: Der dreiundzwanzigköpfige Akademische Senat wählte drei Kandidaten für die Präsidentenwahl. Heckelmann hatte dort eine Mehrheit von dreizehn zu zehn Stimmen erhalten. Nur aus dieser Liste konnte das 66köpfige Konzil einen Präsidenten wählen. Es gab also keine Alternativen. Alle Gruppen beklagten den „Skandal“ der „Wahlregelung im Hochschulgesetz“. Selbst der Kandidat Heckelmann erklärte, das Gesetz sei in dieser Form nicht sinnvoll.

Heckelmann weiß, was auf ihn zukommt: Jahre der argen und ärgsten Finanznöte. Darum drehen sich die politischen Auseinandersetzungen: Mittelkürzungen, Stellenstreichungen und die Umstellung des Bafög auf Darlehen werden den größten Teil seiner Arbeitskraft auffressen. Finanzsorgen verdrängen die politischen Querelen, unter denen die FU Berlin jahrelang zu leiden hatte.

Das drückt sich auch im äußeren Bild der Universität aus. Hieß es Ende der 60er Jahre noch „Alle Macht den Räten“, so kann man heute in den endlosen Gängen der „Rostlaube“, Obdach vieler Geisteswissenschaftler, ironische Sprühparolen entdecken wie: „Alle Macht den Amöben“ oder „Wir sind noch nicht am Ende, wir tun nur so“. Die Studentenfunktionäre sind gewiß noch nicht am Ende, aber sie verzetteln sich immer mehr und sie werden immer sektiererischer. Spontis streiten sich mit Altmarxisten, Trotzkisten mit den SEW-nahen ADSen, Alternative mit Jungsozialisten und Jungdemokraten.