Wieder einmal steht mir eine Reifeprüfung bevor. Golflehrer Klaus Sallmann, kurz „Pro“ genannt, beim renommierten Golfclub Hamburg-Walddörfer, verkündete mir mit leisem Lächeln die lang ersehnte Botschaft: Nach fast einem Jahr Training war er bereit, mir die ersten Weihen eines Golf Eleven zukommen zu lassen. Weg von der Driving-Range, dem Übungsplatz für Schwünge und Schläge, wies er mir den Weg zum eigentlichen Paradies, dem Golf-Platz: „Platzreife“ hieß das erlösende Wort, das mich aus dem Stand des Laien in den der Auserwählten erhob.

Die Leidenszeit war lang genug gewesen: Auf der Suche nach dem subtilen Gespür für Schwung und Schläger, bei dem ständigen Versuch, Schulter-, Kopf- und Hüftbewegung zu koordinieren, Stand und Bewegung imitatorisch wie kreativ umzusetzen, verlor ich oft den Ball aus den Augen. Ich traf den Rasen, das Erdreich, das „Tee“: den kleinen Trichter aus Holz oder Kunststoff, auf den der Ball beim Abschlag gelegt wird, so daß man ihn dann – etwas erhöht liegend – besser treffen kann. Doch aus den Augen heißt nicht etwa aus dem Sinn: „Denken Sie auch an den Bewegungsablauf – selbst mentales Training wird beim Golf nicht ausgelassen.

Im Winterhalbjahr setzte der Pro auch den Videorecorder ein. In einem kleinen Wirtshaussaal wurde der Film zum Tribunal: Feed-back als Stimulans fürs Weitermachen. Denn nirgendwo wechseln so sehr wie hier Traumschläge (und damit das Gefühl, endlich die Niederungen des Golf-Analphabetentums verlassen zu haben) und dilettantisch anmutende, jeder physikalischen Vernunft widersprechender Flugbahnen des Balles sich ab, so daß stets das Gefühl aufkommt: Heute hab’ ich das Geheimnis des Golfs entdeckt – oder eben nicht.

Doch das Erfolgserlebnis ist unbeschreiblich: Als mein mit Holz 4 geschlagener Ball wie an einer Schnur gezogen über hundert Meter flog, fühlte ich mich wie Jack Nicklaus oder Bernhard Langer – der eine, Amerikaner, ist der bedeutendste Golfspieler unseres Jahrhunderts, der andere ein Bernd Schuster des deutschen Golfs.

Ja, auch die Deutschen sind dabei – nicht zuletzt auf Grund der internationalen Erfolge Bernhard Langers –, den Golfsport als eine Möglichkeit der Freizeitgestaltung zu entdecken, wenn auch von „Volkssport“ hier keine Rede sein kann. 20 bis 60 Hektar Land benötigt man für eine Golfanlage; die Grundstückspreise sind hoch, und die Kapazität ist begrenzt: Ein 18-Löcher-Platz kann nicht mehr als etwa 250 Spieler am Tag aufnehmen. Die etwa 170 deutschen Golfclubs verzeichnen knapp 60 000 Mitglieder. Etwa viermal so hoch, schätzt man, ist die Zahl der Interessenten.

In Amerika, wo man die Möglichkeiten kommerzieller Nutzung erkannte, spielen 15 Millionen Menschen Golf. Es gibt dort 12 000 Golfanlagen, die Sportartikel-Industrie setzt jährlich etwa eine Milliarde Dollar in diesem Bereich um. Dagegen wirkt die Bundesrepublik wie ein Golf-Entwicklungsland, obwohl sie nach der Mitgliederzahl in Europa an dritter Stelle steht hinter Großbritannien mit 1,5 Millionen und Schweden mit fast 100 000 Golfern, nach der Anzahl der Plätze sogar an zweiter Stelle hinter Großbritannien, wo es mehr als 2000 Golfplätze gibt.

„Mehr als ein Spiel ist Golf und mehr als nur ein Sport für wenige“, sagt Heinrich Meinen, Präsident des Golfclubs Walddörfer seit 1960 und dienstältester deutscher Golfclub-Vorsitzender, Ortega y Gasset zitierend. Was ihm das Golfspiel bedeutet, faßt Heinrich Meinen („I enioy my strokes“) in den Satz: „Nach 18 Löchern habe ich das Gefühl, mit mir im reinen zu sein.“