Von Ernst Hess

So richtig im Scheinwerferlicht stand Fulda zuletzt Anfang der fünfziger Jahre: Zwar strahlten nur die Jupiterlampen der „Gloria“, die hier ihren Film „Königliche Hoheit“ abdrehte. Aber es tat sich schon einiges zwischen Paulustor und dem barocken „Hotel Kurfürst“, wo die Leinwandstars logierten. Dieter Borsche und Ruth Leuwerik live auf dem Domplatz, ein Heer von Technikern, Kameraleuten und Komparsen im Schlepptau, um Thomas Manns Novelle vom zweitgeborenen Fürstensohn und der amerikanischen Milliardärin auf Zelluloid zu bannen. Glamour im töten Winkel des Eisernen Vorhangs, knapp dreißig Kilometer westlich der Stacheldrahtgrenze zur DDR, die man noch SBZ nannte oder wenigstens in Gänsefüßchen setzte. Um so spürbarer die provinzielle Geruhsamkeit nach Abzug der Filmleute, das Gefühl der „Randlage“ trotz – oder gerade wegen – einer großen Geschichte und Architektur.

Da tat es gut, daß ein Sohn der Stadt am 18. 5. 1960 gegen Real Madrid ein Bilderbuchtor schoß und der Name Fulda wenigstens als Fußnote Eingang in die Sporthistorie fand. Richard Kreß hieß der legendäre Rechtsaußen, im Stadtteil Horus geboren und bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag. Vielleicht wird mal eine Straße im Neubauviertel am Aschenberg nach dem Nationalspieler benannt, so wie man es auch Karl Storch versprochen hat, der 1952 in Helsinki olympisches Silber im Hammerwurf gewann.

Komplettiert wird der kleine Kreis berühmter Fuldaer durch Alfred Dregger und St. Bonifatius, die zwar beide in der Fremde geboren wurden, die Geschicke der Stadt jedoch maßgeblich beeinflußt haben. Nehmen wir zunächst den englischen Missionar, der zusammen mit seinem Freund Sturmius am 12. März 744 auf die absonderliche Idee kam, mitten im heidnischen Urwald eine Stadt zu gründen. Der „Apostel der Deutschen“ hielt sich allerdings nur selten längere Zeit in Fulda auf, galt es doch, die ungläubigen Friesen und Sachsen zu bekehren. Eine Reise in die Gegend von Dokkum wurde Bonifatius schließlich zum Verhängnis, weil man den frommen Mann nicht hören wollte und kurzerhand erdolchte. Im Fuldaer Domschatz liegt neben allerlei Pretiosen die blutbefleckte Bibel, die der Mönch – leider vergebens – zum Schutz über den Kopf hielt.

Sein Missionswerk überdauerte jedoch die Jahrhunderte. Und als sich vor einiger Zeit das herrliche Grabmal aus Alabaster von der Wand löste und zerbrach, da verstand dies mancher Gläubige im Fuldaer Land als Wink des Apostels gegen unchristliche Tendenzen in Bonn. Inzwischen ist das Bildnis wieder restauriert und auch eine neue Regierung fest im Sattel. Nicht zuletzt dank der tatkräftigen Mithilfe Alfred Dreggers, der schon als Oberbürgermeister in Fulda für klare Mehrheiten sorgte. Höchstens im Bayern des Franz Josef Strauß dürfte es Städte mit 60 000 Einwohnern geben, die zu 60 Prozent die Union wählen.

So verwundern auch leicht antiquierte Farbkontraste nicht: Die „Roten“ in Wiesbaden gönnen dem „Schwarzen Fulda“ angeblich nicht einmal den gleichnamigen Dreck unterm Fingernagel. Das mag andernorts belächelt, mit Zahlen widerlegt oder gar als politische Diffamierung verstanden werden. Doch die Probleme im Zonenrandgebiet sind zu vielschichtig, als daß man sie ohne weiteres durch Haushaltspläne oder Statistiken entschärfen könnte. Obwohl Fulda nach Auffassung namhafter Fachleute als Universitätsstandort geradezu prädestiniert wäre, ist dem jeweiligen Kultusminister die Mammut-Hochschule in Frankfurt immer noch lieber. Und die seit gut zwanzig Jahren geplante Autobahn in den Rhein-Main-Raum kommt auch nicht recht vom Fleck. So ist der Zuzug geistiger oder wirtschaftlicher Eliten ins Zonenrandgebiet eher spärlich, der Exodus dagegen schon besorgniserregend.

Mangelnde Attraktivität kann man der Barockstadt im übrigen nicht vorwerfen. Ein architektonisches Ensemble von einmaliger Geschlossenheit entzückt Touristen und Kunsthistoriker gleichermaßen: Johann Dientzenhofers klassischer Dom, die Orangerie des Maximilian von Welsch, Andrea Gallasinis Hauptwache und der steingewordene Traum des Fürstabts Dalberg, die Floravase, – nichts davon darf im Kompendium des Barock fehlen. Komplettiert wird der ehemalige Klosterbezirk durch ein mächtiges Stadtschloß, kleine Adelspalais, pastellfarbene Bürgerhäuser und die fast schon archaische Romanik der Michaelskirche.