Von Michael Jungblut

Wer eine Siemens-Aktie kauft, besitzt damit einen Anteil am Kapital des größten deutschen Elektrokonzerns mit weltweit mehr als dreihunderttausend Beschäftigten, einem Gewinn von 738 Millionen Mark und einem Umsatz von über vierzig Milliarden Mark im letzten Geschäftsjahr. Der Käufer kann damit rechnen, Jahr für Jahr acht Mark Dividende und ab und zu das Angebot zum Kauf junger Aktien zu erhalten.

Wer dagegen eine Aktie der königlich privilegierten Ludwigs-Eisenbahngesellschaft erwirbt, hält das Papier eines Unternehmens in der Hand, das keinen einzigen Beschäftigten hat, weder Umsatz noch Gewinne vorweisen kann und deshalb natürlich auch keine Dividende zahlt. Die Gesellschaft, die die erste deutsche Eisenbahn betrieb, wurde nämlich schon vor vielen Jahrzehnten aufgelöst.

Dennoch kostet eine Aktie der königlich privilegierten Bahn mit 640 Mark heute fast doppelt soviel wie eine Siemens-Aktie.

Des Rätsels Lösung liegt darin, daß die Anteilsscheine des in München residierenden Elektroriesen von kühl rechnenden Geldanlegern gekauft werden, die Aktien der längst liquidierten Bahn dagegen von Freunden historischer Wertpapiere – und die legen nun einmal andere Maßstäbe an, sobald sie von der Sammelwut gepackt worden sind.

Gemessen an den vielen Millionen Mark, die täglich an den deutschen Wertpapierbörsen beim Kauf und Verkauf der dort amtlich zugelassenen Anteilsscheine von Aktiengesellschaften umgesetzt werden – allein an der Frankfurter Börse liegt der tägliche Umsatz zur Zeit bei durchschnittlich 337 Millionen Mark –, nehmen sich die Umsätze der historischen Wertpapiere zwar mehr als bescheiden aus. Gemessen daran, daß es wertlose Papiere ohne jede ökonomische Bedeutung sind, können sich die Zahlen aber dennoch sehen lassen. Immerhin handelt es sich allein in der Bundesrepublik um einen Markt mit einem Volumen von zwei bis drei Millionen Mark im Jahr.

Weil das Interesse an antiquarischen Wertpapieren in der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist, verkauft das Frankfurter Bankhaus Georg Hauck die Nonvaleurs inzwischen sogar in der Schalterhalle über den Banktresen. Interessenten können dort in dicken Folianten blättern und sich nach Papieren umsehen, die ihnen wegen der graphischen Gestaltung gefallen, beziehungsweise in ihre Sammlung alter Eisenbahnaktien, pleite gegangener Brauereien und betrügerischer Gründungen passen oder die Unterschrift berühmter Figuren der Wirtschaftsgeschichte tragen.