Von Ota Hofman

Das sogenannte Phantastische hat Konjunktur: nicht nur im Kinderbuch, auch im Kinderfilm. Ota Hofman, Drehbuch-Autor aus Prag, Erfinder von „Pan Tau“ und „Luzie“, beschreibt Aspekte eines Fernseh-Autors zum Thema Realität oder Fiktion.

Es war einmal ein Männchen, das trug ein buntgeschecktes Kleidchen. Eines Tages ging es in den Wald und fand dort ein Weiblein für sich. War da das Männchen froh, daß es nicht mehr traurig sein mußte! Aber eines Tages war das Weib plötzlich fort. Da ging das Männchen wieder in den Wald und fand dort ein neues Weib für sich. Und wenn es ihm nicht gefiel, verlor das Männchen es einfach wieder. Es ging dann wieder in jenen Wald, um ein neues Weib zu suchen. Und nachdem das buntgescheckte Männchen dies zehnmal so gemacht hatte, starb es.“

Dieses Märchen erzählen die kleinen Pfleglinge eines Kinderheimes in Ostböhmen einander zur Guten Nacht. Ihre Erzieherin hat es aufgezeichnet und mir, weiß Gott warum, mitgegeben, als ich das Heim besuchte. Die Geschichte hat mir mächtig gefallen, ist indessen keineswegs ein Beispiel für das Verhältnis Realität – Phantasie. Das kleine Mädchen, das diese Geschichte seinen Mitzöglingen zum ersten Mal erzählte, hatte sie nämlich in ihren wesentlichen Zügen selbst erlebt.

Wie sind die Kinder von heute? Ihre Welt erinnert zwar ein wenig an die Welt unserer eigenen Kindheit. Aber darauf sollte man nicht allzu fest bauen. Wir sind in ihrer Welt Fremdlinge. Oder genauer: sie sind Fremdlinge in einer Welt, die wir für sie „gestaltet“ haben. Sie entdecken diese Welt. Sie müssen lernen, sich darin zurechtzufinden. Wenn wir ihnen sagen: der Rasen ist grün, so akzeptieren sie das. Obgleich das richtige Wort auch Rot oder Blau heißen könnte. Vor mir liegt ein Kinderbild mit einer blauen Sonne über roten Bäumen.

Der Ofen ist heiß, nicht berühren! Vor dem Betreten der Fahrbahn umblicken! Die Umwelt macht verrückte Verwandlungen durch. Der Türgriff, den das Kleinkind nicht erreichen konnte, ist wenig später in Greifweite. Der riesige Hund, der einem phantastisch großen Ungeheuer dich, ist auf einmal kleiner, denn das Kind ist gewachsen.

Diese erste Welt haben auch wir einmal bewältigt und sind nun zu angepaßten Erwachsenen geworden. Aber auf das Kind von 1983 stürzen (zugleich mit jenem Hund, der so viel größer ist) verwirrend viele Spukgestalten, eine ganze Welt von Phantomen ein. Der Hund Pluto, Mickymaus und Flash Gordon, aber auch neunköpfige Drachen und die Abendnachrichten im Fernsehen, in denen geschossen wird, und die Wildwestfilme, in denen wird auch geballert. Irgendwo, irgendwann gab es den großen Krieg, den nannte man den Zweiten Weltkrieg. Irgendwo, irgendwann droht ein neuer Krieg. Was ist Realität, was ist Fiktion?