Jedes Land hat ein Problem, dem es nicht recht ins Gesicht zu sehen wagt. Hierzulande wissen Parlamentarier, Gewerkschaftler und Kirchen nicht, wie die bisher marginale und zudem widerspruchsvolle Ausländerpolitik reformiert werden kann. Seit zwei Jahren malen sie die Menetekel an die Wand: wachsende Feindlichkeit gegenüber viereinhalb Millionen Ausländern, explosive Türken-Ghettos, ein neues Subproletariat, den Deutschen fremd und feindlich.

Alle sind sich darin einig, daß rasch etwas getan werden muß. Aber keiner drängt sich danach, den verständigen Worten die unliebsamen Taten folgen zu lassen. Denn in In- und Ausland wird argwöhnisch begutachtet, ob die Deutschen nach weltoffenen Anfängen nicht doch wieder in die Xenophobie zurückfallen.

Dank dieser Hypothek nähert sich die Bundesregierung scheu und gleichsam von ferne dem vertrackten Geschäft. Vorige Woche wagte sie den ersten Schritt. Der Kabinettsbeschluß liest sich im Klartext so: Die Türken – denn das Ausländerproblem ist ein Türken-Problem –, die in ihre Heimat zurückzukehren gewillt sind, bekommen eine „Rückkehr-Prämie“. Sie ist an Kautelen gebunden: Darauf hat nur Anspruch, wer zwischen Oktober 1983 und September 1984 kurzarbeiten muß oder arbeitslos wird. Die Prämie wird aus den Rentenversicherungsbeiträgen der Gastarbeiter finanziert und beläuft sich auf rund zehntausend Mark, aufgestockt durch einen zusätzlichen Bonus für jedes Kind. Mit diesem Geld, so der fromme Wunsch, sollen sich die ehemaligen Gastarbeiter zu Hause eine bürgerliche Existenz aufbauen.

Aber auch in Bonn waltet nicht allzuviel Zuversicht. Norbert Blüm, der Arbeitsminister, schätzt, daß sich bestenfalls zwanzigtausend von anderthalb Millionen Türken zur Heimkehr verleiten lassen. Den meisten liegt daran hierzubleiben, und sie sehen keinen Widerspruch darin, daß sie auch unter sich bleiben wollen. Deshalb kommt die Bundesregierung nicht umhin, Interessen in einem neuen Ausländergesetz näher zu bestimmen: Wie läßt sich die Zahl der Fremden ohne unnötige Repressionen begrenzen? Wie sollen Deutsche und Ausländer, trotz Wirtschaftkrise und unterschwelliger Ressentiments, miteinander leben?

Man kann es der Bundesregierung nicht verdenken, daß sie das Problem erst einmal bescheiden angeht. Aber unaufhaltsam verrinnt die Zeit für eine umsichtige und klar definierte Ausländerpolitik. Daran vermag die Rückkehr-Prämie nichts zu ändern. Auf sie trifft das türkische Sprichwort zu: Mit einem Stein lassen sich nicht viele Vögel jagen. G. S.