Wenn er nicht der betuchte Fiat-Chef wäre – mit Werbespots für Whisky oder feine Herrenbekleidung, könnte Giovanni Agnelli, Italiens weltgewandter Manager Nummer eins, allemal im Handumdrehen ein Vermögen verdienen. Allerdings hat der Konzernherr aus Turin seit den vergangenen mageren Fiat-Jahren dafür vorgesorgt, daß er diese Rolle nicht zu spielen braucht. Im Gegenteil: Der Familienkonzern der Agnellis hat nach der vom „Avvocato“ Giovanni Agnelli verordneten Sanierungs- und Schlankheitskur zu neuer Expansion ausgeholt.

Italiens Finanzwelt horchte auf, als die Holding Consortium gegründet wurde: Es handelt sich dabei um einen Pool zur Rettung wichtiger und auf weitere Sicht auch erfolgversprechender Unternehmen, welche die italienische Privatwirtschaft nicht in die Hände des Staates fallen lassen möchte. Finanzier dieses Pools ist die Elite der norditalienischen Großindustrie. Fiat spielt dabei die erste Geige.

Das erste Mal hat dieser Rettungsring funktioniert, als es darum ging, aus der Hand der staatlichen Energieholding ENI das beherrschende Aktienpaket an dem größten italienischen Chemiekonzern Montedison zurückzukaufen. Jetzt ist das potente Consortium am größten Elektrogerätehersteller des Landes, Zanussi, interessiert.

Die Idee mit Consortium stammt aus der Werkstatt des soeben pensionierten Präsidenten der Mediobanca in Mailand, Enrico Cuccia. Dieses Kreditinstitut ist führend für die italienische Industriefinanzierung. Es gehört zwar überwiegend staatlichen Institutionen, doch hält Hat eine wesentliche Beteiligung. Bankier Cuccia, oft als graue Finanzeminenz Italiens bezeichnet, erweist sich seit Jahrzehnten als genialer Baumeister für Beteiligungskonstruktionen. Dabei werden oft die IFI und die IFIL, Familienholdings der Agnellis, als tragende Pfeiler eingebaut.

So war es im August vergangenen Jahres, als die beiden Holdings vierzig Prozent der Aktien des Lloyd Adriatico übernahmen, einer der großen unabhängigen Versicherungsgesellschaften Italiens. IFI und IFIL, die zusammen Fiat kontrollieren, zahlten dabei mit eigenen Aktien.

Den größten Coup in der Versicherungsbranche landete Giovanni Agnelli jedoch kürzlich mit dem Erwerb der Kontrolle über die drittgrößte private italienische Versicherungsgruppe Toro. Sie stammt aus dem Besitz des Mailänder Banco Ambrosiano, einem Finanzimperium, das nach dem gewaltsamen Tod des Bankiers Roberto Calvi nicht mehr zusammenzuhalten war. Der Fiat-Präsident stellte mit dieser Aktion eine solide Seilschaft Turiner Finanzlords zusammen. Gemeinsam zahlten sie eine halbe Milliarde Mark für die Übernahme der Toro mit ihrem reichen Immobilienvermögen. Dabei sichert eine geschickte Finanzstrategie den Agnellis für nur 200 Millionen Mark die Schlüsselposition.

Die neue Finanzpolitik des Fiat-Präsidenten verfolgt mehrere Ziele. Einmal geht es darum, wertvolle Industrien in der Krise vor dem Ruin zu sichern, ohne daß sie in die Hände der Staatsindustrie fallen. Bei der zweiten Gruppe von Aufbaufen geht es darum, finanziell solide und gleichzeitig für andere finanzielle Operationen interessante Beteiligungen zu erwerben. Der Sicherung finanzieller Bewegungsfreiheit kommt derzeit in der Industrie der westlichen Welt ’besondere Bedeutung zu. Diese Bedeutung ist noch größer in Italien, dem Industrieland mit den höchsten Zinssätzen und zugleich einem Land, in dem die öffentliche Hand zwei Drittel aller finanziellen Disponibilitäten des Kapitalmarktes für sich abschöpft. Banken und Versicherungsgesellschaften sind unter solchen Umständen Gold wert.