Am letzten Freitagmittag schallte durch das Bundeshaus und alle anderen parlamentarischen Quartiere der nervtötende Hupton, der die Abgeordneten zum „Hammelsprung“ ruft – zu jener Art der Abstimmung bei der die Parlamentarier (sofern anwesend) den Plenarsaal räumen und ihn durch eine der drei Türen, die mit „Ja“, „Nein“ und „Enthaltung“ bezeichnet sind, wieder betreten können. Den High Noon im Bundestag hatte der grüne Abgeordnete Eckhard Stratmann inszeniert, der am Ende der Debatte über die Aufbesserung der Parteienfinanzen plötzlich seine Zweifel anmeldete, ob das Hohe Haus überhaupt noch beschlußfähig sei.

Hätte Bundestagspräsident Rainer Barzel die Auszählung und Abstimmung nicht für kurze Zeit ausgesetzt, was nach der Geschäftsordnung zulässig ist, die Überweisung des Gesetzentwurfs an die Ausschüsse wäre wahrscheinlich auf der Strecke geblieben – damit fürs erste auch die Erwartung zumindest der Regierungsparteien, daß der Entwurf auch neue Rechtsmaßstäbe schaffen könnte, nach denen ihre alten Sünden weniger schlimm erscheinen würden.

Schweiß auf der Stirn, gelang den Geschäftsführern der „etablie ten“ Fraktionen gerade noch, genügend Parlamentarier, schon auf dem Sprung in die Sommerferien, aus den Büros und Restaurants zusammenzutrommeln, ja, wie es heißt, noch auf dem Weg zum Flughafen oder Bahnhof abfangen zu lassen.

Mit ihrem pfiffigen Vorstoß gegen bequeme Routine haben sich die Grünen, die von mehr Parteiengeld nichts wissen wollen, gewiß Keine Freunde im Parlament gemacht; aber bei der CDU besitzen sie ohnehin keine. „Unverschämter Lümmel!“ – „Der Verstand fehlt Ihnen!“ – „Sie können das Deutschlandlied ja gar nicht singen! Es entspricht ja gar nicht Ihrer Gesinnung!“ – so schrie es von den Bänken der Union dem Grünen Joschka Fischer entgegen, der seine Äußerung über das atomare Auschwitz noch einmal interpretierte, die den Abgeordneten und Generalsekretär der CDU, Heiner Geißler, dazu gebracht hatte, Pazifismus und Auschwitz miteinander in Beziehung zu setzen.

Die Parlamentsdebatte über beide Äußerungen, ausgelöst durch den SPD-Antrag auf Entlassung Geißlers als Familienminister, hat auf krasse Weise offenbart, welcher Riß in Grundsatzfragen durch den Bundestag geht. Zwar räumte Geißler ein, er hätte statt des Satzes, der Pazifismus der dreißiger Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht, besser sagen sollen: „Der Krieg ist möglich gemacht worden.“ Aber das war nur ein halbes Zugeständnis, denn „Auschwitz wäre ohne den totalitären kriegerischen Zugriff Hitlers nicht möglich gewesen“. Und vor allem: Es gehe darum, ob der Nato-Doppelbeschluß realisiert werden könne „gegen den innenpolitischen Druck der sogenannten Friedensbewegung“.

Auch wenn Geißler sein schrecklich verkürztes Diktum auf seine historischen Überzeugungen zurückführte, war damit nur wieder bestätigt, was der Sozialdemokrat Jürgen Schmude – der sich im übrigen für seine Partei auch gegen Fischers Gedankenverbindung verwahrte – dem CDU-Generalsekretär entgegenhielt: „Den heutigen Pazifismus, die heutige Friedensbewegung will er gerade jetzt mit seinem maßlosen Vorwurf treffen“, mit der „eiskalten Logik eines Technokraten des politischen Kampfes“, die „allein nach dem bezweckten Erfolg“ frage.

Die Union freilich sieht in der Empörung über Geißler nur den Versuch, wie Helmut Kohl sagt, sie in eine rechte Ecke zu schieben und die, so assistiert Wolfgang Schäuble, psychische Widerstandskraft des freien Westens zu schwächen. Was nützt es da, wenn Joschka Fischer Geißler nahezubringen versuchte, daß in dem Erlebnis der industriell bewerkstelligten Menschenschlächterei im Ersten Weltkrieg eine der entscheidenden Ursachen für den Gesinnungspazifismus der dreißiger Jahre liege, und wenn er fragte: „Als wie krank muß man eigentlich eine Zivilisation bezeichnen, in der die angedrohte und technisch bereitgehaltene Verbrennung ganzer Völker im atomaren Feuer – und sei es zu Verteidigungszwecken – als Voraussetzung der eigenen Sicherheit angesehen wird?“