Zum Friedenskongreß der Naturwissenschaftler: Geologen können unterirdische Testexplosionen sicher erkennen

Die Warnung ging über die Rundfunksender des amerikanischen Bundesstaates Nevada: Wenn die Erde am 14. April 1983 in Las Vegas ein wenig wackele, beruhigten die Diskjockeys, sollte das niemand sonderlich ernst nehmen. Das Verteidigungsministerium zünde an dem Tag kurz nach Mittag nur eine kleine Atomwaffe in der Wüste – zu Testzwecken, versteht sich. Tatsächlich zitterte um 12.05 Uhr das Spielerparadies. Doch kaum ein Gambler nahm das zur Kenntnis.

„Turquoise“ nannten die Experten des Pentagons und des amerikanischen Energieministeriums diesen Atomwaffentest, einer der stärksten der letzten Zeit. Amerikaner und Briten testen ihre Kernwaffen alle unterirdisch in der sogenannten „Nevada Test Site“, einem Wüstenareal 100 Kilometer nordwestlich von Las Vegas.

Gut zwölf Minuten, nachdem Nevada zitterte, registrierten auch die Meßinstrumente der Erdbebenstationen in Europa die Kernsprengung. Auf den ersten Blick sah das Seismogramm wie das eines natürlichen Erdbebens aus. Doch bei genauer Analyse können die Erdbebenforscher mittlerweile ziemlich genau unterscheiden, ob Erschütterungen der Erdkruste natürliche Ursachen haben oder von einem Atomwaffentest – im Fachjargon kurz „Schuß“ genannt – ausgelöst werden. Besonders einfach geht das bei so starken Schüssen wie „Turquoise“. Dieser Test erreichte immerhin einen Wert von 5,3 auf der Richterskala, etwa ebensoviel wie die stärksten Erdbeben in Deutschland.

Unter Seismologen wird zur Zeit intensiv darüber diskutiert, wie genau man die Kernwaffentests überwachen kann. Auf der Frühjahrstagung der amerikanischen Geophysiker Anfang Juni gab es heftige Kontroversen. Auch am kommenden Wochenende wird das Thema auf dem Kongreß „Verantwortung für den Frieden. Naturwissenschaftler warnen vor neuer Atomrüstung“ in Mainz, zur Sprache kommen. Die Diskussion ist keineswegs rein akademisch. Von den Überwachungsmethoden der Wissenschaftler machen es die Politiker nämlich abhängig, ob ein umfassendes Teststoppabkommen für Atomwaffen in Kraft treten kann. Im Rahmen der Vereinten Nationen wird darüber schon seit 1958 verhandelt.

Ausgelöst wurde die Diskussion im Oktober letzten Jahres, als Jack Evernden vom Geologischen Dienst der Vereinigten Staaten und Lynn Sykes, Geologieprofessor an der New Yorker Columbia University, einen Artikel in der Zeitschrift Scientific American (in der Bundesrepublik: Spektrum der Wissenschaft) veröffentlichten. Darin behaupten die in der Fachwelt sehr angesehenen Autoren, daß die wissenschaftlichen und technischen Voraussetzungen für die Überwachung eines totalen Teststoppabkommens gegeben seien.

Diese Aussage war Wasser auf den Mühlen der Friedensbewegung. Denn sie widersprach einem Argument der amerikanischen Regierung gegen die Wiederaufnahme der 1980 wegen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan von Carter unterbrochenen Verhandlungen. Washington hatte behauptet, weitere Verhandlungen seien zwecklos, da eine vollständige Überwachung aller Kernwaffentests nicht möglich wäre.