Ich studiere Politik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität München, bin im zweiten Semester. In unserem Politologie-Seminar wollen wir versuchen, die Problematik der Abrüstung möglichst rational zu behandeln. Dazu gehört, daß man sich diplomatische Verhaltensregeln anschaut. Sieht, wie die beiden Seiten versuchen, sich mit Optionen auszutricksen. Sieht, wie verzwickt doch diese Angelegenheit ist. Ein Prozeß der Lösung vom eigenen Traum setzt ein. Denn im Moment drohen alle meine Ziele, die doch auch die Ziele so vieler anderer sind, zu zerbrechen. Sie zerbrechen an den Fakten, die ich Tag für Tag in Gesprächen mit „Besserwissenden“ einsehen muß. Kann es denn tatsächlich wahr sein, daß er nicht stimmt, unser Traum vom friedlichen Zusammenleben und von dem Weg, der uns zu diesem Leben führen soll? Müssen wir die Begriffe „Expansion“, „Imperialismus“ und „Ideologie“ doch stärker in unsere Überlegungen einbeziehen?

Man lehrt mich, meinen Traum vom Frieden zu behalten. Doch bloß als Privatsache. In der Politik allerdings, am Verhandlungstisch, hat er einer anderen Vorstellung zu weichen. Ich habe zu akzeptieren, daß der Partner auf Grund einer anderen Ideologie den Werten „Menschenrecht“ und „Freiheit“ eine andere Bedeutung beimißt, also auch andere Konsequenzen daraus zieht. Ich habe einzusehen, daß ich die tatsächliche Abrüstung nicht erleben werde. Dafür werde ich aber mit dem Wort „Rüstungskontrolle“ beruhigt, was zur Zeit, unter den gegebenen Umständen, das einzig Sinnvolle, Machbare sein soll.

Was soll ich großartig einwenden? Ich stehe am Anfang eines Lernprozesses, eines Prozesses, der mir das politische Handeln verdeutlichen soll. Ich, die ich bisher so wenig mit der praktischen Politik zu tun hatte, weil sie mir durch andere, mich vertretende Politiker, abgenommen wurde. Ich, die ich meine Vorstellungen vom friedlichen Zusammenleben nicht so schnell mit entsprechenden Beispielen aus der Geschichte belegen kann; vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil es sie nicht gibt? Und dann: Die Beispiele für eine Politik des gleichzeitigen Entgegenkommens und der Demonstration von Stärke sind ja auch sehr beeindruckend (die deutsche Ostpolitik 1969/70 beispielsweise).

Aber dennoch: Habe ich als Unwissende, als Laie, nicht auch irgendwo einen Anspruch auf so etwas wie „gesunden Menschenverstand“? Kann meine Einschätzung, daß die neue Zeit ein Umdenken erfordert, einfach als nichtfundiertes „Stammtischgerede“ zurückgewiesen werden? Kommt der Abrüstungsschritt tatsächlich erst nach dem Rüstungskontrollschritt? Oder ist es nicht vielmehr so, daß die heutigen Spielregeln (Verhandlung bei gleichzeitiger Machtdemonstration) eine menschenwürdige Lösung verhindern? Hat Rüstungskontrolle, rein vom Wesen her, überhaupt zum Ziel, irgendwann einmal ganz auf Waffen verzichten zu können?

Christine Simon