In Genf wird über eine friedliche Lösung des Afghanistan-Problems unter der Ägide der Vereinten Nationen verhandelt

Von Dirk Sager

Der Soldat steht auf einem der Hügel, die Kabul umsäumen. Er lehnt an einem Felsen, seine Kalaschnikow hat er spielerisch unter dem Arm geklemmt. Die Bluse des graubraunen Kampfanzuges steht offen. Mit der linken Hand klopft er den Rhythmus zu einer Flötenmelodie, die von einem blühenden Kirschgarten zu seinen Füßen zu ihm heraufdringt. Zu dem ganz unkämpferischen Bild des Soldaten fügt sich sein jugendliches Gesicht. 19 Jahre sei er alt und gerade für drei Jahre zum Wehrdienst eingezogen. Er spricht fast fließend englisch und freut sich, das zu beweisen. Er habe das auf der englischen Schule, einem der drei fremdsprachigen Gymnasien Kabuls gelernt. Auf die Frage, was er über die Zukunft denkt, antwortet er: „Was soll ich dazu sagen. In den nächsten drei Jahren wird sich hier nichts ändern.“ Und nach seiner eigenen Absicht befragt, fügt er hinzu: „Über meine eigene Zukunft mache ich mir keine Gedanken, vielleicht bin ich in drei Jahren tot.“ Während sich auf internationaler Ebene die Hoffnungen auf ein absehbares Ende des Afghanistan-Konflikts mehren, wächst vor Ort nur eines – die Hoffnungslosigkeit.

Dort, wo der Soldat steht, kann man fast ganz Kabul übersehen: die von wenigen Hügeln besetzte Hochebene, von schroffen, 8000 Meter aufsteigenden Gebirgen umgeben. Schneebedeckte Gipfel unter blauem Himmel – ein fürstliches Bild für eine Landeshauptstadt. Aber fünf Jahre nach dem Militärputsch von 1978, der eine radikale Gruppe von Revolutionären an die Macht brachte, drei Jahre nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee ist das Bild Kabuls nur stolz und erhaben aus der Ferne gesehen. „Immerhin“, sagt der Soldat, „hier in Kabul habe ich noch eine Chance zu überleben. Gefährlich ist es in den Dörfern, dort weiß man nicht, wer wer ist.“ Warum die afghanischen Widerstandskämpfer auf junge afghanische Soldaten schießen? Er sagt, er wisse es nicht. Und sein Verhältnis zu den Russen? „Die Russen sind die Russen – und wir sind Afghanen.“

Sieht man einmal ab von den allgegenwärtigen Patrouillen der Armee, von den Straßensperren, an denen die Passagiere von Taxis kontrolliert werden und wo junge Männer, die keine gültigen Papiere vorweisen können, gleich auf einem Armeelastwagen landen, sieht man ab von der Leibesvisitation, der jedermann unterzogen wird, der eine Bank oder ein Postamt betreten will, dann bietet Kabul tagsüber das Bild einer lebendigen Stadt, in der sich die Welt des Abendlandes und Morgenlandes begegnen. Über den Basar erschallen die Rufe zum Gebet und über die Hauptstraßen fahren laut hupend die westlichen Autos.

Aber wenn sich die Dunkelheit über die Stadt senkt, sterben die Straßen aus. Und schon um acht Uhr, zwei Stunden vor Beginn der Ausgangssperre, sieht man nur noch vereinzelt die Lichter eines Autos, hier und da das starke Scheinwerferlicht eines Panzers. Taxis sind nur gegen ein zehnfaches des üblichen Preises zu bekommen, ein Preis, den sie durch besonders hohe Geschwindigkeit entgelten. Der Fahrer jagt durch die nachtdunkle Straße, vorbei an den Militärkontrollen. Er läßt offen, wovor er mehr Angst hat, vor einem Anschlag der Widerstandskämpfer oder vor dem Feuerstoß eines nervös gewordenen Soldaten. „I am neutral“, sagt er im korrekten Englisch, „and I don’t plan to abandon it.“

Tagsüber ist die Stadt voller Gerüchte. Es gibt Zeugen für nächtliche Zwischenfälle, deren Namen aber nicht genannt werden können. Westliche Diplomaten sprechen von der orientalischen Gabe, Geschichten auszuschmücken. Aber dennoch läßt sich manches festschreiben. In jeder Straße habe es letzte Nacht einen Schußwechsel zwischen Armee und Widerstand gegeben. In einem anderen Viertel seien zwei Mädchen ermordet worden, nur weil diese Mädchen in ihrer freien Zeit Kindern Lesen und Schreiben beigebracht haben. Ermordet von „Freiheitskämpfern“.