Von Gunter Hofmann

Jetzt brauchte man einen Macher..." So hat Willy Brandt einmal ironisch geseufzt, als sich in der Endphase der sozial-liberalen Koalition die Kritik an Helmut Schmidt mehrte. Und der galt als eiserner Kanzler. Diese Geschichte fällt Johannes Rau ein, wenn er über den Vorwurf nachdenkt, der ihn schon lange begleitet und von Hans Otto Bäumer soeben noch einmal aufgefrischt worden ist: Er neige zum Zaudern und Zögern. Führung, so hat der gerade zurückgetretene Landwirtschaftsminister noch einmal vor dem Parteitag der nordrhein-westfälischen SPD in Duisburg gemahnt, sei eben "durch nichts ersetzbar".

Dem Spiegel diktierte Bäumer das noch deutlicher ins Mikrophon. Ob Rau sich ändern könne, wollten die Journalisten von ihm wissen. Bäumers Antwort lautete: "Wer weiß, wer weiß." Zwei Tage, nachdem ihn Nordrhein-Westfalens SPD bei der Wiederwahl zum Landesvorsitzenden mit einem größeren Vertrauensbeweis als je zuvor ausstaffiert hatte, konnte Rau das so nachlesen.

Gestürzt hat Bäumer den Ministerpräsidenten jedenfalls nicht. Und die SPD hat auch nicht den Eindruck erweckt, sie wünsche sich Rau anders. Demonstrativ geschlossen stellten die Sozialdemokraten sich hinter ihn; und es hat nicht viel gefehlt, dann wäre der einst mächtige Hans Otto Bäumer zur persona non grata erklärt worden.

Das hängt auch damit zusammen, daß nicht ganz klar wurde, was Bäumer will. Mehr Führung? Mehr Umweltschutz? Oder beides? Auf jeden Fall kam dieser Vorstoß Bäumers für Rau zur Unzeit. Denn aus verschiedenen Ecken wabert Kritik an dem Ministerpräsidenten. Das muß gar nicht allein mit Rau und mit der Dimension der Probleme zusammenhängen, die er im Ruhrgebiet am Hals hat. Es läßt sich auch mit der Lage der SPD erklären. Auf die wenigen Sozialdemokraten, die noch regieren, richten sich beträchtliche Hoffnungen, auf die letzte große Bastion Nordrhein-Westfalen erst recht.

Bäumers Rücktritt hat auch den endgültigen Anstoß gegeben, das Kabinett umzubilden. Johannes Rau möchte für frischen Wind sorgen. Aber wie kann er das erreichen, ohne daß der Eindruck entsteht, er reagiere auf Bäumers Protest und nicht mit eigener Zielstrebigkeit? Und wie kann der Ministerpräsident neue Gesichter von außen nach Düsseldorf holen, ohne die Genossen zu Hause vor den Kopf zu stoßen? Entschieden ist also noch nichts.

Schließlich die Vorfälle während des Besuchs des amerikanischen Vizepräsidenten Bush in Krefeld – Rau steht natürlich zu seinem "liberalen Innenminister" Herbert Schnoor. Er hält die Klagen und Anklagen aus Bonn auch eher für Mätzchen. Aber seine Regierung erhält im Moment eine Vorahnung davon, was es heißen kann, sich Liberalität zu leisten, wenn die neue Regierung in Bonn nach einem starken Staat ruft.