Von Benedikt Erenz

Wo sonst als hier, in unserer kleinen Hauptstadt im Tale, wie sie junimorgenfrisch und adrett den duodezfürstlichen sieben Bergen zu Füßen liegt, wo sonst als hier, im ewigen 18. Jahrhundert, wo Heine vor Langeweile fast umkam, Schillers Frau starb, Schumann wahnsinnig wurde und Deutschland heute regiert wird, ließe sich begeisterter über das Reisen sprechen, über das Verlangen nach der Ferne, nach der Fremde, der geographischen und der politischen Freiheit? Aus dieser Provinz kamen sie, die deutschen Reiseenthusiasten der frühen Jahre, die Nicolai, Forster, Arndt, Seume, Reichardt, die mit Kapitän Cook die Erde umsegelten, zu Fuß Deutschland und ganz Europa durchwanderten, und nach Paris aufbrachen – die Revolution zu erleben.

In dieser Provinz trafen sie sich nun, an zwei schönen Frühsommertagen, zwanzig Wissenschaftler – Historiker, Soziologen, Germanisten, Pädagogen – aus der ganzen Bundesrepublik und dem benachbarten Ausland, um über die frühe Reiselust zu diskutieren, zu fragen, warum jene damals aufbrachen, was sie suchten, ersehnten, und was sie – nicht fanden. Ein Gespräch, das schnell zu einem Gespräch über das Reisen überhaupt wurde. Denn diese ersten bürgerlichen Fußwanderer und Luftschiffer sind es gewesen, die in ihren spannenden Reisebüchern, randvoll mit Welterfahrung, die Träume und Hoffnungen erfanden, die auch unsere Reisepläne noch durchziehen, und sei es nur in froher Erwartung von „2 Wochen Ibiza mit Vollpension“.

Eingeladen zum Gespräch in die alte Kaufmannsvilla der Bremer Vertretung am Rhein hatte die Universität der Hansestadt, wo seit 1978 die Reiseliteratur des aufgeklärten Jahrhunderts systematisch erforscht wird. Wolfgang Griep, der das Forschungsprojekt betreut, nannte eindrucksvolle Zahlen: an die Zehntausende Reisebeschreibungen erschienen im 18. Jahrhundert allein im deutschsprachigen Raum, einschließlich vieler hundert Übersetzungen, etwa siebentausend Titel haben die Bremer bereits gehortet. Mit Hilfe von Computern und modernster Datenverarbeitung basteln sie nun an einer großen Bibliographie, die einmal alles enthalten soll, was es im Deutschland der Aufklärung je über die Fremde zu lesen gab.

Und die Fremde war überall, die Reiselust unersättlich. Wer aus den eigenen vier Wänden nicht herauskam, der reiste eben im Geiste. Von Freiheit getragen, flogen die Gedanken zu den Inseln der Südsee, der niegeschauten Heimat der Glückseligen und „in den Mars“, wo freiere, weil weisere, und weisere, weil freiere Menschen leben als hier. Begrenzt auf sich selbst reiste man durch den eigenen Kopf, oder, wie Xavier de Maistre, nach einem Duell unter Hausarrest gestellt, um sein Zimmer. Ein Ernst Friedrich Müller malte sich „Pitts Reise ins Ehebett aus“ und Musäus reiste durch die Physiognomien seiner Mitmenschen. Schon in diesen Phantasien klingt alles das an, was den Bürgern schließlich den Schuh schnüren läßt: die Sehnsucht nach Freiheit, nach Liebe und Lust, nach Selbsterkenntnis und immer wieder die blanke Neugier. Vor allem aber noch etwas: der Lockruf des Goldes.

Denn damit begann’s: Während die jungen Adeligen schon zu Zeiten des Barock auf Kavalierstour durch die Paläste und Betten des feudalen Europas tobten, begab sich der Bürgerliche allenfalls der Kommerzien halber auf Reisen, ein oder zweimal im Jahr, als Kaufmann zur Messe. Abgesehen von den Handwerksburschen auf der Walz, den Berufssoldaten, Strauchdieben und umherbotanisierenden Gelehrten, waren es die Kaufleute, die sich in die Welt hinaustrauten, um neue Markte zu erschließen. Von ihnen vor allem wurden, wie der Bremer Pressehistoriker Elger Blühm berichtete, die gerade entstehenden Zeitungen mit Auslandsnachrichten beliefert, für sie wurden die ersten Baedecker gedruckt, wie zum Beispiel „Des Nordischen Mercurii Verbesserter Weg-Weiser Von Zehen Haupt-Reisen aus der Staat Hamburg“. Auf dem Titelblatt: Handelsgott Merkur mit Flügelhelm und Schlangenstab.

Die Zeitungen sind es, die die Lust aufs Reisen langsam schüren. Neben der obligaten Hof- und Konferenzberichterstattung, wie sie der mündige Untertan heute den Fernsehnachrichten entnimmt, füllten Expeditionsberichte und Neues „aus der See“ die Spalten: die Ankunft der spanischen Silberflotte aus „Nova Terra“, Diskussionen über einen unbekannten Seeweg nach Archangelsk, Hafenreportagen aus London, Livorno, Smyrna und Adrianopel, nützlich gewürzt mit Börsennachrichten und den neuesten Wetterberichten. Bald schon entstehen an der Universität Zeitungs- und Reisekollegs. In Halle oder Göttingen lernen die Studenten der Jurisprudenz und Kameralwissenschaften, was man auf Reisen alles in Erfahrung bringen soll. Staats- und Justizwesen gilt es an Ort und Stelle zu studieren, die Münzkabinette werden ihnen besonders ans Herz gelegt, und auch zu einem Blick in die Naturaliensammlung sei geraten. Neugier, „Curiösität“ vor allem wird empfohlen, denn, merk es dir, mein Sohn: „Das ist führwahr ein alberner Mann, der nicht übern Zaun sehen kann!“