Aussichtssache

Ein Fernsehturm ist ein denkbar ungeeigneter Schauplatz für einen U-Boot-Krieg. Aber die moderne Technik macht’s möglich – dem Telespiel sei dank Der Abgeordnete Hergenroder der Grün-Alternativen Liste hat ausgerechnet auf der Aussichtsplattform des Hamburger Fernsehturms Kriegerische Telespiele entdeckt. Da wird nicht nur auf Panzer und Geländefahrzeuge geschossen – auch der Abschuß von Krankenwagen und Sanitätern ist prämienträchtig. Hergenröder schmückt die Feststellung mit gleich zwei Ausrufungszeichen, denn was sollen die Touristen von uns Deutschen denken? Auch der Senat hat keinen Sinn für die zweifelhafte Unterhaltung, wie aus der Antwort auf die kleine Anfrage hervorgeht. Der Automatenaufsteller hat sich inzwischen bereitgefunden, die inkriminierten Spiele durch andere zu ersetzen. Hergenröder fragte nicht, was Telespiele überhaupt auf Aussichtsplattformen zu suchen haben. Genügt die Aussicht nicht?

Auf die Leber

Daß alle Juristen es darauf anlegten, möglichst unverständliches Deutsch zu reden, ist eine Verleumdung. Daß einer sich überaus verständlich ausdrückt, ist freilich auch die Ausnahme. Mit Freude zitieren wir deshalb das Beispiel des Richters H., über dessen Wirken in Sachen „Alkohol im Straßenverkehr“ die Deutsche Richterzeitung in ihrer jüngsten Ausgabe berichtet:

Kann ein kräftiger Schlag auf die Leber vor einer Blutentnahme dazu führen, daß in der Blutprobe ein überhöhter Alkoholwert festgestellt wird? Mit dieser nicht ganz alltäglichen Frage in einem allerdings alltäglichen Verfahren wegen Trunkenheit im Straßenverkehr hatte sich unlängst Richter H. in einer Kleinstadt Schleswig-Holsteins zu befassen. Der im übrigen geständige Angeklagte hatte sich wie folgt eingelassen: Der festgestellte Blutalkoholwert von 2,2‰ könne auf gar keinen Fall zutreffend sein. Er, der Angeklagte, habe nämlich vor Antritt der Fahrt lediglich ein bis zwei Bierchen getrunken, und die könnten eine so hohe Blutalkoholkonzentration nicht bewirkt haben. Es müsse also eine andere Ursache für diese phänomenale Erscheinung geben. Als einzige Besonderheit, die vielleicht eine Erklärung ermöglichte, sei ein Leberschlag zu erwähnen. Kurz vor Fahrtantritt habe er sich mit seinem Kumpel gerangelt und dabei einen kräftigen Leberschlag abbekommen.

Richter H., ein erfahrener, im Leben stehender Mann, schaute nachdenklich durch seine kleine Nickelbrille; sodann gab er dem Verteidiger mit einem innerlichen Lächeln, wie es sonst nur Engeln zu eigen ist, die Anregung, einen förmlichen Beweisantrag zu stellen. Der Verteidiger kam dem (wohl) pflichtgemäß nach und berief sich auf ein Sachverständigengutachten. Nach einer schon aus Taktgründen (nicht Taktik! Takt im Sinne von Herzenstakt, durch den Respekt und die Achtung vor dem anderen zum Ausdruck kommt) einzuhaltenden Überlegungsminute wies Richter H. den Antrag zurück. Und wie es sich für einen guten Richter gehört, erläuterte er dem Angeklagten seine Entscheidung in verständlicher und plastischer Weise:

„Denken Sie gut nach, Herr A.! Meinen Sie, wenn man kräftig auf eine Kaffeemaschine schlägt, in der kein Kaffee ist, meinen Sie, daß aus dieser Maschine dann Kaffee herauskommt?“ – Darauf der Angeklagte mit dem leicht verklärten Blick eines Erkennenden: „Nein, natürlich nicht.“ „Sehen Sie“, fuhr Richter H. fort, „genauso ist es in Ihrem Fall.“ Der Angeklagte verstand.