Schon wird nicht mehr von Büchern gesprochen, sondern von „Medieneinheiten“, weil angeblich in Bibliotheken nicht nur Bücher zu finden sind. Bücher sind dann keine Bücher mehr, sondern „Druckmedien“. Ganz schlimm wird es, wenn die jahrhundertealte Bezeichnung Bibliothek oder Bücherei zugunsten der „Mediothek“ aufgegeben wird ... Das Buch ist nicht wie andere Medien, es hat eine andere Funktion... Die „Neuen Medien“ mögen nicht aufzuhalten sein. Aber man muß Alternativen anbieten wie beispielsweise das Buch und das Lesen. Und dafür braucht man eben Bibliotheken, nicht „Mediotheken“.

Klaus Hohlfeld: „Wider den bibliothekarischen Medienkult“; „Buch und Bibliothek“, 5/1983

Biedermeierland, erwache!

Nun schlage ruhig, deutsches Herz! Deine Hüter stehn auf Wacht. Herr Friedrich Zimmermann (Cinéast, Innenminister) kämpft mit dem Scheckheft in der Hand gegen Acnternbuschische und andere „Gespenster“. Da mag die ehemalige Hauptstadt des Reiches, zu Preußens Zeiten ein Zentrum der Aufklärung, da mag der Berliner Senat nicht zurückstehen. Im Amtsblatt (Teil I, 33. Jahrgang, Nr. 30) wird den Lesern kundgetan, daß der Roman „Mimiii“ von Heinrich Clauren in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen ist. Clauren? Kaum eine Literaturgeschichte kennt noch das Pseudonym des hohen Berliner Verwaltungsjuristen Karl Gottlieb Samuel Heun (1771-1854), der 1816 mit seiner sentimental-lüsternen, pseudoromantischen Erzählung im Stil der „Schweizermode“ den (wie Gero von Wilpert schreibt) Geschmack des „breiten, verborgen lüsternen Biedermeierpublikums traf“. Haben Sie schon Angst vor der Plüsch-Erotik unserer Ururururgroßeltern, unsere Politiker der Wende? Sogenannte Liberale reichen diesen Heuchlern das Feigenblatt. Das Lachen wird uns noch vergehen: Die militante Reaktion marschiert.

Heine auf Norderney

Immer wieder ist Heinrich Heine, der umstrittenste Dichter deutscher Sprache, gut für die plumpesten Anfeindungen, die plattesten Ehrungen, die absurdesten Kontroversen. Besonders schlimm wird es, wenn die Bürokratie sich seiner annimmt. So hat man sich in seiner Geburtsstadt Düsseldorf bis heute nicht dazu verstehen können, die Universität nach dem ansonsten „großen Sohn“ zu benennen. In Hamburg, „schöne Wiege meiner Leiden“, wurde 1982 eine rundum verunglückte, modernisierte Kopie eines zerstörten Denkmals ausgerechnet auf dem Rathausmarkt aufgestellt. Und in Norderney hat jetzt der SPD-Stadtrat, zusätzlich einer „grünen“ Stimme, beschlossen, den früheren Kurgast und Verfasser der Reiseskizzen „Die Nordsee“ durch Aufstellung eines Denkmals zu ehren, das ausgerechnet von Arno Breker stammt, dem nicht nur von Jean Cocteau, sondern besonders auch von Adolf Hitler ungemein geschätzten Altmeister der Männlichkeitswahn-Skulpturen. Daß eine Ehrung des von den Nazis aus deutschen Bibliotheken eliminierten Heine durch Breker eine nicht eben Sensibilität verratende Tat ist, stört auf Norderney allerdings wenig: Man bekommt den bereits 1930 entstandenen sinnierenden Jungdichter in Kniebundhosen ganz umsonst.

Oben ohne

Ein Blick auf den augenblicklichen Stand der geistig-sittlichen Erneuerung ergibt Uneinheitliches: Während Peep-Shows von behördlich verfügten Schließung und von geringer werdendem Zulauf bedroht sind, breiten sich andernorts peepshow-ähnliche Schaustellungen ungehemmt aus. In Hamburger Freibädern und an den norddeutschen Küsten, also sowohl in SPD- wie auch in CDU-Regionen, wurde an den vergangenen heißen Tagen beobachtet, daß Frauen, naturgemäß vorwiegend jüngere, massenhaft die Oberteile ihrer Bikinis fallen ließen, so daß kurzsichtigen Badegästen das nunmehr letzte Geschlechtsunterscheidungsmerkmal abhanden kam. Scharfblickende Zeitgenossen hingegen, wie etwa Günther Zehm in der Welt, merkten den Unterschied (Brust oder Nicht-Brust) sehr wohl. Zehm kommt schnell von der Sitte auf die Ästhetik („Kein Mensch fragt mehr danach, ob er sich seine Nacktheit ästhetisch leisten kann“), von der Ästhetik auf die Philosophie („Die Nacktheit ist nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein erkenntnistheoretisches Problem“), meint aber im Grunde immer nur die Sitte, von der er kommt. Er befürwortet, kurz gesagt, die Nachrüstung der Köpfe und die Nachrüstung der Brüste. Auch in diesem Punkt also ein Anhänger des Doppelbeschlusses sehnt sich Zehm nach dem „eleganten Strand-Accessoire, das zumindest die Blöße deckt und vielleicht auch ein bißchen mythisch überhöht“. Die Brust überhöht? Mythisch? Nein, danke. Dann lieber die Null-Lösung.