In Kassel verbaut und verkungelt man die „documenta“ – in Berlin verplant man ein grandioses Ausstellungshaus als Museum

Als im Mai 1945 ein Gutteil von Deutschland zerbombt war, versuchten ein paar gleichermaßen sensible wie dynamische Menschen einen Neuanfang, der mehr sein sollte als Reparatur und Wiederaufbau, der vielmehr die geistige und materielle Vernichtung als eine Herausforderung begriff, gerade im improvisierenden Überleben auch neue Ziele zu setzen. Arnold Bode gehörte zu diesen Menschen, der Künstler und spätere Kunstprofessor in Kassel, der dort 1955 in der Ruinenlandschaft des Museum Fridericianum, der Alten Galerie und der Orangerie die erste „documenta“ einrichtete. Die „documenta“, eine in jeder Beziehung unkonventionelle Ausstellung moderner Kunst und, nach periodischen Wiederholungen, anerkannt als die wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst überhaupt, machte Kassel zum Ort auf der internationalen Landkarte. In den Fremdenverkehrs-Computern hat die „documenta“ schon lange mehr Zeilen als die Stadt Kassel. In Kassel freilich ist man nun heftig dabei, hier für den Ausgleich zu sorgen – nicht durch Anhebung der Attraktivität der Stadt, sondern durch Herunterwirtschaften der „documenta“. Die nächste, die 8. „documenta“, soll 1987 stattfinden. Aber ob das, was dann stattfinden wird, noch den Namen „documenta“ verdient, ist die Frage. Da ist zum einen die pseudo-demokratische Methode, mit der ein dreißigköpfiges Gremium jetzt den neuen Leiter sucht; den wird es, wenn einmal der Machtkampf zwischen der Kölner Clique I, der Kölner Clique II, dem holländischen Block und dem Faktor X ausgestanden ist, auch geben – aber der ganz neue Geist der „documenta“ wird bei diesem Prozedere wohl kaum sichtbar werden. Der freilich ist um so dringender gefragt, als jetzt, nach dem schrittweisen Wiederaufbau der alten „documenta“-Stätten, das als letztes fertiggestellte Fridericianum zur Hälfte ein Technisches Museum beherbergen soll. Wenn dieser Plan Realität wird, hat die „documenta“ nicht nur rund die Hälfte ihres ursprünglichen Raums verloren, sie hat dann auch die nur ihr eigenen Qualitäten der Offenheit und des Improvisierens eingebüßt. In den voll restituierten ehemaligen Ruinen wird es 1987 möglicherweise die frische Ruine der „documenta“ zu besichtigen geben.

Nun sollte man meinen, daß der aufhaltsame Abstieg der „documenta“ lehrreich genug ist. Aber weit gefehlt. In Berlin, wo man 1981 wie zufällig durch die „Preußen“-Ausstellung ein grandioses Ausstellungshaus wiederentdeckte, nämlich das halb zerstörte alte Kunstgewerbemuseum von Martin Gropius, möchte man in eben diesem Haus ein Geschichtsmuseum einrichten. Der Gropius-Bau ist nicht zuletzt durch seinen weiten Lichthof ein ideales Areal für großangelegte Ausstellungen: die „Preußen“ haben das ebenso bewiesen wie die „Pferde von San Marco“ oder der „Zeitgeist“. Berlin, das so sehr darauf bedacht ist, kulturell attraktiv zu sein, hat keine dem Gropius-Bau auch nur annähernd adäquate Ausstellungsfläche. Aber wohl hat Berlin mit dem Reichstag ein historisches Gebäude, in dem es bereits eine Ausstellung zur deutschen Geschichte gibt, die jederzeit ausgebaut werden könnte. Im Gropius-Bau kann man sowohl die eigene Geschichte wie auch fremde Kulturgeschichte darstellen, zeitgenössische oder alte Kunst ausstellen, man könnte hier Alternativen zu Kassel und Konkurrenzen zu Köln und München anbieten. Statt dessen berät der Senat bereits darüber, ob man bei der geplanten Einrichtung des Historischen Museums eher die absurde Idee von Stephan Waetzoldt (Präsentation der Historie im Stil von Disney-Land) oder das Konzept von vier Historikern (Zusammentragen von temporärem Leihgut aus anderen Museen) favorisieren soll. Mit dem Historischen Museum wird der Berliner Senat die spät entdeckte Chance verspielt haben, ein den Möglichkeiten in Paris, London und New York ebenbürtiges Haus zur Verfügung zu haben, mit dem man Tausende in die Stadt locken und sich ins internationale Gespräch bringen kann.

Im letzten Zug des Wiederaufbaus, der manche Städte erst wirklich zerstörte, soll nun auch die Kunst zementiert werden. Aber sie lebt nur vom kühnen Entwurf und der Lust am Unbekannten. Und Ausstellungen sind die Vorstufe, nicht die Konkurrenz des Museums. Petra Kipphoff