Ein Industrierevier wird zum Urlaubsland

Von Rob Kieffer

Warum die Bewohner von Luxemburgs Südwestecke "Minettsdäpp" genannt werden, weiß eigentlich keiner so genau. "Minette" nennt man jedenfalls das rötlich-braune Erzgestein, aus dem das Eisen gewonnen wird und dem das Land einst seinen industriellen Aufschwung verdankte.

Was es mit "däpp" auf sich hat, darüber streiten Sprachforscher und Lokalhistoriker. Die einen behaupten, der Name stamme daher, daß früher die Bergleute flink wie ein Kreisel (auf luxemburgisch "dapp") von einer Stollenwand zur anderen pirouettierten. Die andere – weniger schmeichelhafte Version – versichert, daß die oberschlesischen Bergarbeiter, die gegen 1870 zuwanderten, ihren luxemburgischen Kollegen öfters ein grantiges "Was bist du doch für ein Depp!" an den Kopf warfen.

Sei’s drum. Was als Spottname gedacht war, wird von den Minette-Bewohnern nicht ohne Stolz getragen. Von den anderen Luxemburgern wird den "Minettsdäpp" zugeschrieben, daß sie dickköpfiger, kumpelhafter, humorvoller sind, daß ihre Städte verrußter, ihre Fußballmannschaften besser, ihre Kneipen geselliger und ihre Pizzerias zahlreicher sind.

In Luxemburgs bevölkerungsreichem Industrierevier nahe an der französischen Grenze, im von Dichtern und Malern verklärten "Land der roten Erde", hat Kontaktfreudigkeit Tradition. Nicht zuletzt sind es die immigrierten Italiener, Portugiesen, Spanier oder Kapverdianer – um die Jahrhundertwende wurden sie als zusätzliche Arbeitskräfte angeworben die dem oftmals grauen Stadtbild südländisches Kolorit verpassen.

Der Hang der "Minettsdäpp" zur Frohnatur und zur Zuversicht ist in den letzten Jahren getrübt worden. An den Tresen der Bistros, die je nach Nationalität des Wirtes "beim Stuppes" oder "chez Nico" heißen, haben sich die Mienen der Arbeiter verdüstert. Seitdem Luxemburgs größter Arbeitgeber, der Arbed-Stahlkonzern, immer krisenanfälliger geworden ist, wird im Süden häufiger als sonst über Arbeitslosigkeit diskutiert.