Alles deutet darauf hin, daß der deutsche Exportüberschuß 1983 den Rekord des Vorjahres noch übertrifft

Die Zahl ist so recht dazu angetan, Gefühle nationalen Stolzes zu erzeugen oder doch zumindest Befriedigung über deutsche Tüchtigkeit aufkommen zu lassen: Aus Analysen der Deutschen Bundesbank ergibt sich, daß der Exportüberschuß der Bundesrepublik in diesem Jahr sechzig Milliarden Mark erreichen könnte. Das wäre dann noch einmal eine geradezu sensationelle Steigerung gegenüber dem Vorjahr, als mit einem Ausfuhrüberschuß von 51 Milliarden Mark das bisher beste Ergebnis der Nachkriegszeit erzielt wurde. Ins rechte Licht gerückt werden diese Superlative aber erst dadurch, daß dies alles vor dem Hintergrund einer weltweiten Wirtschaftsmisere geschient, und daß Länder wie Frankreich oder die USA zur gleichen Zeit riesige Defizite im Außenhandel hinnehmen müssen.

Die Zuverlässigkeit, der Fleiß und das Können deutscher Facharbeiter, der Einfallsreichtum der Ingenieure und das kaufmännische Geschick der Manager bilden sicherlich die wesentliche Grundlage für diesen Erfolg in einer Zeit, in der fast nur Negativ-Meldungen für Schlagzeilen sorgen. Dennoch reicht dies zur Erklärung allein nicht aus. Denn wer sich die Hintergründe dieser Entwicklung ansieht, stellt bald fest, daß die Überschüsse nicht einer überdurchschnittlichen Steigerung der Exporte zu verdanken sind, sondern dem Umstand, daß die deutsche Industrie ihre Erzeugnisse jenseits der Grenzen zu deutlich höheren Preisen verkaufen konnte, während auf der anderen Seite die Preise für importierte Güter gefallen sind.

Hinter der positiven Entwicklung in der Kasse verbirgt sich real sogar ein Rückgang der Ausfuhren. Denn während die Exportpreise um neun Prozent gestiegen sind, gingen die Mengen in den ersten vier Monaten 1983 im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent zurück. Selbst wenn sich in den nächsten Monaten die Auftragsbücher wieder etwas stärker füllen sollten, dürfte von der Menge her diesmal kein neuer Rekord zu erwarten sein.

Somit entpuppt sich die Aussicht auf einen neuen Überschußrekord nur als ein relativer Erfolg: Die Bundesrepublik fällt in der weltweiten Flaute nur weniger stark zurück als die meisten ihrer Konkurrenten.

Und darüber müssen wir eigentlich sogar froh sein. Hohe deutsche Exporte und Ausfuhrüberschüsse sind nämlich das Spiegelbild der Defizite unserer Handelspartner. Je größer die Diskrepanz zwischen deutschen Exporten und Importen wird, desto schwieriger wird die Lage der Defizitländer – bis hin zu dem Punkt, an dem sie glauben, sich nur noch durch Flucht in den Protektionismus vor der Flut deutscher Waren retten zu können, die sie als Bedrohung der eigenen Arbeitsplätze empfinden. Daran kann einem so exportabhängigen Land wie der Bundesrepublik nun wahrlich nicht gelegen sein. Der Ruf, die Japaner Europas zu sein, hängt den deutschen Exporteuren ohnehin schon an. Und wer zu erfolgreich ist, hat sich noch nie beliebt gemacht – wie schon die „Streber“ in der Schule erfahren.

Ein Gutes hat die Entwicklung aber dennoch: In diesem Sommer braucht kein deutscher Urlauber ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er die Mark jenseits der Grenzen rollen läßt. Im Gegenteil – die Ausgaben deutscher Touristen tragen ganz wesentlich dazu bei, daß sich die Devisenkassen unserer Nachbarländer wieder etwas füllen. Würden nicht Millionen Ferienreisende Jahr für Jahr über dreißig Milliarden Mark im Ausland ausgeben, hätte wohl schon so manches Nachbarland dem Handel wieder Schranken gesetzt. In diesem Sinne: Einen schönen Urlaub!

Michael Jungblut