Kein Bonner Sommer ohne Sommer-Theater: In den letzten Jahren bedeutete das, daß sich einige Liberale redlich darum bemühten, den Koalitionsstreit anzufachen, weil nur eine "zerstrittene" Koalition als Argument für den Absprung aus dem Bündnis mit Helmut Schmidt und der SPD dienen konnte.

Im neuen Sommer-Theater wird eine andere Melodie gespielt. Der "Hüter bayerischer Interessen in Bonn" – so der Bayernkurier über die CSU – streitet sich mit der FDP zwar heute schon erheblich lauter als die sozial-liberale Koalition nach zermürbenden 13 Jahren. Aber CSU und FDP wollen nicht das Bündnis aufkündigen, sondern möchten Profil gewinnen. Dazu bieten die Sommerwochen eine schöne Gelegenheit.

Denn sonst rührt sich ja nicht viel. Die Regierung wartet weiter auf den Aufschwung; sie verschärft ihre Türken-nach-Hause-Politik; und im übrigen streut die CSU noch immer Gerüchte, Strauß wolle doch wieder mal nach Bonn. Vorläufig trifft er aber nur regelmäßig "seine" Minister in München, die nun noch einmal den Kredit an die DDR verteidigen dürften.

Und die CSU-Abgeordneten führten auf Schloß Banz ein "ebenso selbstverständliches wie ausführliches und fruchtbares Gespräch" mit Franz Josef Strauß, das "nahtlose Übereinstimmung im Interesse einer zielstrebigen, zukunftsorientierten und selbstbewußten Politik für Bayern und Deutschland bestätigt und bekräftigt hat". So stand es im Bayernkurier. Ergebenst: Theo Waigel.

Der Justizminister Hans Engelhard (FDP) zählt bekanntlich zu den eher bedächtigen Naturen – das Wort Temperament möchte man in diesem Zusammenhang schon nicht in den Mund nehmen. Aber wie schwierig es ist, aus einem Gespräch mit ihm Funken zu schlagen, das hat am Ende vermutlich auch den Spiegel überrascht.

Ob das Gespräch nun vom Streit mit Friedrich Zimmermann (CSU) über das Demonstrationsrecht handelt, von der konsultativen Volksbefragung zur Raketenstationierung, dem Zwiespalt zwischen Moral und Recht im allgemeinen oder bei Hans Engelhard, so leicht wird man nicht eine einzige überraschende, störrische, kühne oder ungewöhnliche Antwort finden. Erst recht erhält man keine Antwort auf die Frage, ob es sich nun um einen Justizminister handelt, der dem traditionellen Rechtspositivismus, der ausschließlich Fixiertheit auf Paragraphen, abschwört oder huldigt, was der Spiegel doch zumindest hatte heraushören wollen.

Kohls Justizminister, der im Moment mit der CSU den Zwist um den Besitzstand liberaler Positionen in der Republik austrägt, ist also ein Mann von geradezu nervenaufreibender Zurückhaltung. Manche meinen, der wahre Minister heiße ohnehin Klaus Kinkel, offiziell Staatssekretär im Justizministerium. Engelhard jedenfalls hat sich nicht in das Amt gedrängt. Und kann man denn von jedem Politiker politische Leidenschaft verlangen?