Von Hans-Christoph Blumenberg

Der Ministerpräsident ist böse: „Du sollst mich nicht fotografieren, wenn ich blöde schau. Und ein Ministerpräsident muß blöde schauen, wenn ihn die besten Kräfte seiner Bevölkerung verlassen! Weg mit dir! Hm. Die Bevölkerung redet so wie Heiminsassen reden. Redet so die demokratische Bevölkerung Wichtig ist, wie die Regierung redet! Verhaftet den Mensch!“

Redet so ein Ministerpräsident? Und wer könnte sich getroffen fühlen: von der seltsamen Geschichte eines bayerischen Waldarbeiters, der nach Japan auszuwandern gedenkt, weil der Wald sauer geworden ist, der aber zuvor seinem Ministerpräsidenten begegnet, welcher ein auffälliges Interesse an einem ausgestopften Hund besitzt, dieweil seine Frau von einem Globus zerquetscht wird? Sprechen solche Begebenheiten „breite Kreise der Bevölkerung“ an? Wird es nicht endlich höchste Zeit, uns vor solchen, wie ein allerhöchster Bonner Kenner der Kunst feinsinnig formulierte, „als problematisch – nicht als problemorientiert – empfundenen“ Machwerken zu schützen, wo doch wirklich jedermann weiß, daß dergleichen „nur für einen relativ kleinen Kreis eine gewisse Rolle spielt“.

Wenn es nach Friedrich Zimmermann geht, an dessen Filmverstand nur Verfassungsfeinde zweifeln dürfen, wird jener namenlose Ministerpräsident, der zum Personal des Drehbuches „Wanderkrebs“ von Herbert Achternbusch gehört, nie das Licht einer deutschen Leinwand erblicken. In der vergangenen Woche teilte der Innenminister, von Amts wegen für die kulturelle Filmförderung des Bundes zuständig, den Mitgliedern der „Kommission Produktionsförderung A des Auswahlausschusses für Filmförderung“ mit, daß er sich über eine der Empfehlungen dieser sachverständigen Jury“ (Zimmermann) hinwegzusetzen gedenke: Herbert Achternbusch wird die ihm zugesprochene Produktionsprämie von 250 000 Mark für den „Wanderkrebs“ nicht bekommen. Was früheren Innenministern, auch denen von der CSU (Höcherl) oder der CDU (Benda), nie eingefallen wäre, Friedrich Zimmermann macht es jetzt vor: den direkten ministeriellen Eingriff in die Arbeit der Fachleute.

Von Woche zu Woche wird deutlicher, daß es um mehr geht als nur um einen Kleinkrieg des Polizeiministers der Wende-Republik gegen den radikalen Querdenker Achternbusch, wie gelegen die Affäre um dessen umstrittenen Jesus-Film „Das Gespenst“ den Ultra-Rechten in der Union kam, geben jene mit schöner Offenheit selber zu. Die CSU-Fraktion im Münchner Landtag, die „Das Gespenst“ natürlich „ekelhaft“ fand (was ihr gutes Recht ist), sagte, laut dpa, „Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann für seine Pläne, die staatliche Filmförderung auf ein ‚neues Fundament’ zu stellen, ihre Unterstützung zu. Fraktionschef Gerold Tandler meinte, Achternbusch komme dabei das ‚Verdienst‘ zu, mit seinem Streifen selbst den Stein des Anstoßes geliefert zu haben.“

„Das Gespenst“ ist eine poetische Provokation: wie Luis Buñuels „Viridiana“ oder Ingmar Bergmans „Das Schweigen“, gegen die unsere Saubermänner auch einst Sturm liefen, bis am Ende niemand mehr diesen Filmen den Rang von Klassikern bestreiten konnte. Man muß Achternbuschs Film nicht einmal für ein Meisterwerk halten, um die künstlerische Ernsthaftigkeit hinter den bizarren Posen des kränkelnden, kalauernden Clowns zu erkennen. Man darf auch Friedrich Zimmermann, Gerold Tandler und anderen Verteidigern der abendländischen Kultur nicht vorwerfen, daß sie sich von Achternbusch provoziert fühlen. Wäre es anders, hätte „Das Gespenst“ keine „sittliche Entrüstung“ hervorgerufen, dann hätte der Film seinen Zweck verfehlt.

Man muß aber Zimmermann vorwerfen, daß er Achternbusch die letzte Rate eines Bundesfilmpreises verweigert hat, nicht nur, weil es schwierig einzusehen ist, wie man für 75 000 Mark (der gesperrte Restbetrag) moralisch empört sein kann, und für 225 000 Mark (bereits ausgezahlt, von Zimmermann aber nicht zurückverlangt) offenbar weniger. In der Erklärung, die Wim Wenders im Namen der Bundesfilmpreisträger des Jahres 1983 am vorletzten Samstag in Berlin verlas, steht der Satz: „Die politische Bewertung der Kunst ist ein dunkles Kapitel in der deutschen Geschichte.“