Ein neuer Exportboom läßt Tokio um seine Handelsbeziehungen fürchten

Kaum war der Industriestaatengipfel von Williamsburg für Premier Nakasone ohne die gefürchtete Verurteilung der japanischen Handelspolitik beendet, gab das mächtige Ministerium für Handel und Industrie (Miti) eine überraschende Parole aus: „Japan muß mehr importieren.“ Das Miti, bisher als erfolgreicher Dirigent der japanischen Exportlawinen berüchtigt, appellierte an die heimischen Verbraucher, an Industrie und öffentliche Hand, die Inlandsnachfrage zu stärken und zugleich ausländischen Erzeugnissen eine Chance zu geben.

Die ungewöhnliche Order konnte freilich kritische Beobachter nicht täuschen. Was sich hinter dem vermeintlichen Sinneswandel der Wirtschaftslenker verbarg, erläuterte die Tageszeitung Nikon Keizai so: „Das Miti fürchtet sich vor dem Aufschwung.“ Ein neuer Boom könnte Japans Export zu neuer Blüte bringen – und in den restlichen Industrieländern wieder Wehgeschrei über die japanische Herausforderung wachrufen.

Die Furcht des Miti ist nicht grundlos: Nippons Industrie scheint den zarten Konjunkturfrühling in den USA und Westeuropa dazu nutzen zu wollen, ihre riesigen Überschußkapazitäten verstärkt für den Export zu mobilisieren. Nach fünfzehnmonatiger Pause stiegen im Mai die japanischen Ausfuhren im Jahresvergleich ersmals wieder an. Die Einfuhren fielen weiter. „Die Industrie hat zu ihrem Optimismus zurückgefunden“, beschreibt die japanische Notenbank, in ihrer jüngsten Konjunkturanalyse die Stimmung in den Chefetagen der japanischen Konzerne.

Was die Bank verschweigt: Die Stimmungsbesserung resultiert ausschließlich aus der Steigerung der Auslandsbestellungen. Ohne die Überseenachfrage hätte Japan sein mageres Wachstum im ersten Jahresquartal von 0,2 Prozent real nicht erreicht. Die Binnennachfrage schrumpfte um 0,3 Prozent.

Da bleibt der japanischen Industrie kaum eine andere Wahl, als ihr Heil in einer neuen Exportoffensive zu suchen. Tatsächlich erwartet das Miti außenwirtschaftliche Bilanzdaten für das seit April laufende Haushaltsjahr, die die Partnerstaaten in Rage bringen müssen, weil sie beweisen, daß Tokio seine Konjunkturprobleme wieder einmal auf Kosten der Handelspartner löst: Das Miti und die Notenbank rechnen mit einem Rekord-Handelsüberschuß von 30,7 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr betrug der Aktivsaldo nur zwanzig Milliarden Dollar. Die Sanwa-Bank prognostiziert deshalb einen neuen Japan-Schock.

Vor diesem Hintergrund stellt sich Nippons Industrie bereits auf einen neuen Schlagabtausch mit Washington und Brüssel ein. Dem vorzubeugen, hat sich das Miti nun zu seiner denkwürdigen Vorwärtsverteidigung entschlossen. Plötzlich entdeckt das Ministerium, daß für Importerleichterungen entgegen den bisherigen Beteuerungen des Amtes noch genug Raum bleibt. Neben Importfinanzierungen soll die Luxussteuer für größere Wagen um fünf Prozent gesenkt werden, „die besonders die Importwagen belastet“, wie das Miti nun einräumt. Behörden wie Staatsbetriebe der Japan AG, die bisher vom Miti auf heimische Erzeugnisse eingeschworen wurden, sollen sich nun für Importe begeistern. Einen gleichlautenden Appell richtete die Miti-Bürokratie an die privaten Konzerne. Die großen Exporteure sollten sich ein Beispiel an Sony, Toyota oder Nissan nehmen, die Beispielhaftes für die internationale Arbeitsteilung leisteten.