Meiner Ohrfeige, wie sie so schallend noch ein Intendant erhalten hat, trennt sich Berlin von Boy Gobert. Der Fünfjahresvertrag mit dem Leiter der Staatlichen Schauspielbühnen (Schiller-Theater, Schloßparktheater, Werkstatt), des größten und am höchsten subventionierten Schauspielhauses im deutschsprachigen Raum, wird nicht erneuert.

Bis zuletzt hat der siebenundfünfzigjährige Schauspieler-Intendant, auch mit dem Hinweis auf steigende Zuschauerzahlen, um eine Verlängerung seines Vertrages gekämpft. Vergebens. Der neue Kultursenator, Volker Hassemer (CDU), sagt dem als „Publikumsliebling“ geltenden Gobert schon nach der Hälfte von dessen erster Amtszeit ade und verpflichtet für 1985 den achtunddreißigjährigen Schauspieler Heribert Sasse, der seit 1981 das Berliner Renaissance-Theater leitet, als neuen Generalintendanten der Staatsbühnen (drei Theater, fast 600 Mitarbeiter, Jahresetat über 30 Millionen Mark).

Ist dies wirklich – wie zu lesen – eine richtige, gar eine mutige Entscheidung? Oder nicht doch eine bedenkliche? Wird da nicht wieder nur weitergewurstelt, typisch für die Kulturfunktionäre der großen Parteien (wobei wir Unterschiede zwischen CDU und SPD getrost vergessen können)?

Als 1972 Boleslaw Barlog das kleine Intendanten-Zimmer an der Bismarckstraße räumte, nach 27 Jahren als Theater-Chef, war allen klar: So wie dieser geniale Striese das Berliner Theater nach dem Krieg aufgebaut und wieder großgemacht hatte, konnte es nicht weitergehen. Hans Lietzau trat an mit einer Mannschaft junger Regisseure und Dramaturgen, vor allem mit einem einleuchtenden Programm – und scheiterte rasch. Nach dem Intellektuellen auf dem Intendanten-Sessel kam 1980 der Charmeur von der Alster: Die Gummibärchen, die der neue Intendant als zuckrige Wappentiere Berlins bei seiner ersten Pressekonferenz verteilte, waren ebenso Programm wie 1972 Lietzaus „Berlinische Dramaturgie“.

Nun ist, schon in der Hälfte der Zeit, Goberts Theater als Lutschbonbon ebenso gescheitert wie Lietzaus Theater als politisch-dramaturgische Anstalt. Jetzt, denkt man, müßten die Kulturverweser in Berlin aufwachen. Seit Barlogs letzten Amtsjahren wissen alle, daß der Riesenbetrieb der Staatsbühnen aufgegliedert werden müßte. Ein Dreißig-Millionen-Betrieb, über die Stadt verteilt, ist von einem Kopf allein nicht mehr zu führen. Woher sollen künstlerische Anregungen kommen, wenn der Chef alle Hände voll zu tun hat, drei Häuser zu verwalten, fast 600 „Betriebsangehörige“ zu „leiten“ und daneben womöglich selber auf der Bühne stehen oder am Regiepult sitzen will? Ideen aus Dramaturgen-Büros, Vorschläge der Schauspieler versickern auf dem bürokratischen Instanzenweg. Und 27 (mit den über 65 Jahre alten: 37) Schauspieler, die unkündbar, aber in entsprechenden Rollen nur schwer zu besetzen sind, belasten den Etat allein schon, wie Gobert (zu spät) klagt, mit 3,6 Millionen Mark.

Anstatt über längst fällige Strukturveränderungen der Staatsbühne nachzudenken oder sie endlich zu wagen, schaut Hassemer, ein Neuling der Kulturverwaltung, nicht etwa auf den internationalen oder auch nur bundesrepublikanischen Markt (Peymann), sondern aus seinem Berliner Fenster – und entdeckt einen Tausendsassa von Schauspieler, Regisseur, Intendant, der für das kleine Renaissancetheater, pfiffig, einen „publikumswirksamen“ Spielplan entwickelt hat – zwischen Peter Steins Schaubühne und Goberts Staatstheater, das – künstlerisch – leider fast nicht mehr existent ist.

Noch ist das eine Berliner Posse. Ins Haus steht eine bekannte Tragödie. Was Sasse als Programm zu verkünden wagt – berühmte Regisseure (die er noch nicht hat), „Welttheater“ im großen, „gepflegtes Kammerspiel“ im kleinen Haus, Experimente in der „Werkstatt“ – haben wir so ähnlich von seinen Vorgängern auch gehört und doch, in immer kürzerer Frist, Abgesänge anstimmen müssen.

Rolf Michaelis