Von Jürgen Woldt

Marcus Buchwald, Gymnasiast im Hildesheimer Ortsteil Himmelsthür, sieht sich selbst als „Forschernatur“. Der gerade Siebzehnjährige studiert gern die Zebrabuntbarsche in seinem Aquarium. Und lieber als Discos besucht er den „Arbeitskreis Astronomie“ abends in seiner Schule. Sein Berufswunsch: „Wissenschaftler in einer Raumstation. Irgendwann müßte das klappen.“

Das klingt ganz schön abgehoben in einem Klima, in dem die meisten seiner Altersgenossen um eine Lehrstelle oder einen Studienplatz auf Erden bibbern. Doch der Hildesheimer Schüler glaubt fest daran, „einen Bonus fürs All“ zu besitzen – schließlich ist er seit dem 19. Juni bereits Weltraum-Pionier, möglicherweise sogar der jüngste in der Geschichte der Raumfahrt.

An Bord der Raumfähre „Challenger“ ging nämlich ein Experiment mit auf die erdumkreisende Reise, die Marcus Buchwald daheim in seinem Zimmer ausgetüftelt hat. Erforscht werden sollten dabei die Auswirkungen der kosmischen Schwerionen-Strahlung (also elektrisch geladenen, schweren Atomkernen) auf Samenkörner von Weizen, Gerste, Hafer und Buschbohnen – Körner, die der Gymnasiast jetzt nach der Rückkehr des Space Shuttle STS 7 zum wissenschaftlichen Vergleich neben unbestrahltem Samengut in seine Blumentöpfe pflanzen wird.

Außer Marcus Buchwald durften noch vier andere Jungforscher aus der Bundesrepublik, allesamt „Jugend forscht“-Preisträger, als erste nichtamerikanische Amateure der Raumfähre Experimente als Frachtgut anvertrauen. Ihre Versuchsanordnungen, in einem zylindrischen 150-Liter-Container zusammengebaut, füllten einen Teil des Freiraums in der Ladeluke der „Challenger“, den Großlasten wie Satelliten oder Raumlabors stets ungenutzt lassen. Dieser Freiraum wird von der Nasa als getaway Special Programm zu günstigen Bedingungen an Raumfahrtunternehmen, Forschungsinstitute, Universitäten und andere Interessenten vermarktet. Als erste Amateurforscher hatten sich bereits beim vierten Testflug im Juni letzten Jahres Studenten der Universität Utah im Shuttle eingemietet.

Warum gelangte ausgerechnet die Fracht der deutschen Jungforscher – kurz „Jufos“ genannt – vor den Experimenten hunderter anderer amerikanischer und nichtamerikanischer Aspiranten – die Nasa hat bereits über vierhundert getaway Special-Buchungen bestätigt – in den Weltraum? Das ist eine Geschichte, die dem Weltraum-Nesthäkchen Marcus Buchwald eigentlich die Illusion rauben müßte, er habe nun bereits als Forscher einen Fuß im All. Die deutsche Jufo-Mission ist nämlich eine einmalige, clevere Public relations-Aktion der Münchner; Kleinfirma Kayser-Threde. Das Spezialunternehmen für elektronische Meßsysteme mischt seit Jahren mit oft reichlich unkonventionellen Methoden im Weltraum-Business der Branchenriesen munter mit.

Der Fall Kayser-Threde illustriert mustergültig, in welchem Maße Marktgesetze und -gepflogenheiten in der Raumfahrt Einzug gehalten haben – vor allem nachdem die Raumfähre 1982 ihren ersten „Arbeitsflug“ erfolgreich abgeschlossen hatte. Seither läßt sich Nutzlast so billig wie noch nie in den Weltraum schießen. Vor wenigen Jahren mußten Interessenten zwischen einer und fünf Millionen Mark ausgeben, um Experimente mit Höhenforschungsraketen durchzuführen, wobei die Geschosse nur wenige Minuten schwerelos flogen. Im Vergleich dazu sind die getaway Special-Raten lächerlich billig: 27 Kilogramm Nutzlast werden für ganze 3000 Dollar eine Woche lang in die Schwerelosigkeit befördert.