Von Volker Neumann

Carl Schmitt feiert am 11. Juli in Plettenberg/Sauerland seinen 95. Geburtstag. Daß er zu den einflußreichsten deutschen Staatsrechtlern und politischen Denkern dieses Jahrhunderts gehört, ist unumstritten. Im Streit geblieben ist jedoch die Würdigung seines imposanten Werkes von über 250 Aufsätzen und annähernd 50 Büchern. Besonders schwer tut sich die deutsche Linke (im Unterschied zur italienischen) mit Carl Schmitt. Einerseits gibt es kaum einen anderen konservativen Theoretiker, der in ihren Publikationen vergleichbar häufig zitiert wird. Andererseits steht die Auseinandersetzung immer noch unter dem bedrohlichen Verdikt, das Ernst Bloch gefällt hat: Schmitts „blutige Schlauheit“ zerstöre den liberalen Rechtsfetisch einzig um der ungehinderten faschistischen Fratze willen, „sadistisch lockend, medusisch lähmend“.

Angesichts dieses Urteils scheint eine Erinnerung angebracht: Marxistisch orientierte Intellekt tuelle haben nicht immer so unerbittlich geurteilt. Georg Lukács lobte 1928 die „Politische Romantik“ als kluges und interessantes Buch, an dem er lediglich auszusetzen hatte, es verschweige, welchem gesellschaftlichen Sein die Struktur des romantischen Denkens entspreche. Albert Salomon zählte 1931 in der „Gesellschaft“ Schmitts Vortrag zu Ehren Hugo Preuß’ gar zu den „großen Denkreden der deutschen Nation“. Walter Benjamin bestätigte in einem Brief, daß sein Buch „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ den Forschungen Carl Schmitts viel verdanke.

Erst die Studie „Hüter der Verfassung“, mit der sich der Autor auf die autoritäre Lösung der Weimarer Krisensituation festlegte, fand 1932 in der „Zeitschrift für Sozialforschung“ eine ambivalente Aufnahme. Karl Korsch fügte das Liebäugeln mit der Herankunft eines faschistischen Totalstaates (wobei damals zwischen Faschismus und Nationalsozialismus unterschieden wurde), stimmte der „kritischen Analyse der bisher vorherrschenden bürgerlich-liberalen Staatsauffassung“ aber zu.

Daß diese Stimmen nicht auf einer oberflächlichen Rezeption beruhen, belegen die Namen von drei sozialistischen Weimarer Juristen, die sich intensiv mit Schmitts Arbeiten beschäftigt hatten. Otto Kirchheimer hatte 1928 bei Carl Schmitt promoviert. Die Dissertation wie auch zahlreiche der späteren Schriften – darunter die bekannteste aus dieser Zeit „Weimar – und was dann?“, verraten die Prägung durch den Doktorvater. Die rousseauistische Demokratietheorie, die Deutung der Verfassung als Scheinkompromiß und vor allem der in die Verfassungstheorie hineingetragene Entscheidungsbezug sind nahezu identisch. Selbst die unterschiedlichen politischen Konsequenzen, die beide aus dem gemeinsamen verfassungstheoretischen Ansatz gezogen hatten, stellten kein Hindernis für zeitweilige Zusammenarbeit dar.

Interessanter noch ist die Rezeption durch Franz Leopold Neumann, gerade weil dieser eine Verfassungstheorie entwarf, die nicht am „Entweder – Oder“ des Schmittschen Dezisionismus, sondern an Hermann Hellen Modell des sozialen Kompromisses ausgerichtet war. Schmitts Analysen der Weimarer Verfassungsordnung wurden ebenso bereitwillig übernommen wie die strenge Differenzierung zwischen Rechtsstaats-und Demokratieprinzip. Etwas zurückhaltender äußerte sich Ernst Fraenkel. Dennoch findet sich auch bei ihm mehr Zustimmung denn Ablehnung. Für alle drei Juristen gilt, daß selbst in ihrer gelegentlichen Kritik noch Faszination durchscheint.

Erst viel später wird Carl Schmitt von der Weimarer Linken entschieden und eindeutig abgelehnt. In der Endphase der Weimarer Republik unterstützte Schmitt die Politik der Präsidialkabinette, insbesondere die Strategie General von Schleichers, die jedes politische Abenteuer einkalkulierte, um die Nazis von der Staatsgewalt fernzuhalten. Um so unverständlicher erscheint sein Frontwechsel im Frühjahr 1933. Johannes Popitz vermittelte den Kontakt zu Göring. In dessen Auftrag arbeitete er in der ersten Aprilwoche das „Reichsstatthaltergesetz“ aus, mit dem der Parlamentarismus in den Ländern endgültig beseitigt wurde. Am 1. Mai 1933 trat Carl Schmitt in die NSDAP ein.