Andropows Krankheit und die Raketen belasteten den Besuch

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Juli

Helmut Kohl stürmte die „Andropolis“ fürbaß. Seit Chruschtschows Tagen hat kein ausländischer Staatsgast und auch kein sowjetischer Parteichef einen solchen Einzug im Kreml gehalten wie der Bundeskanzler am frühen Dienstagmittag. Von der Moskwa heraufsteigend, zog er mit seinem Gefolge, wie ein in der Gunst des Zaren hochstehender Bojare, der vor den Toren der Stadt nur einen Tag auf den Allerhöchsten warten mußte, an der Basilius-Kathedrale und der Richtstätte Peter des Großen vorbei, bis hin zum Erlösertor in der Kremlmauer.

Alle paar Meter hielt er ein, um zur Verzweiflung der sowjetischen Sicherheitsbeamten für die Kameras zu posieren und mit Touristen auf dem Roten Platz zu parlieren. Der erste Reisepulk, den er ansteuerte, kam ausgerechnet von der anderen Weltmacht. Doch der Kanzler hatte Glück: Ein Ehepaar aus dieser Gruppe, das 1939 aus Hamburg nach Amerika emigriert war, half ihm über die Sprachbarriere. Eine deutsch-deutsche Begegnung wenige Schritte weiter: „Schöne Zeit noch“, wünschte Kohl einer Schulklasse aus Waren-Müritz in dir DDR – wie übrigens auch allen anderen Menschen guten Willens, die ihn auf seiner Reise umringten.

Standfester „Enkel“

Der Kanzler tauchte nicht nur für die heimischen Medien in die Menge, sondern auch, weil er sich, von Wechselbädern noch die beste Kur für die angekränkelten deutsch-sowjetischen Beziehungen versprach. Gewappnet mit dem Bewußtsein, daß die westliche Welt auf ihn blickte, belastet von der Gewißheit, daß er der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen kaum noch ausweichen kann und getragen von dem Wunsch, den Schaden zu begrenzen, hatte sich der Bundeskanzler auf eine Doppelrolle eingestellt.