Vor 450 Jahren starb der Dramatiker unter den Bildhauern der Spätgotik, der Gegenpol zu Tilman Riemenschneider. Gottfried Sello berichtet über die große Nürnberger Ausstellung und einen neuen Bildband

Künstlerjubiläen, so will es die Tradition, werden mit einer Ausstellung des zu Feiernden begangen. Vor zwei Jahren hat Würzburg zum 450. Todesjahr von Riemenschneider dem Würzburger Bildnauer im Mainfränkischen Museum eine spektakuläre Gedächtnisschau eingerichtet, die sich auf das Frühwerk beschränkte und neue wichtige Einsichten in diesen schwierigen, ungesicherten Komplex ans Licht brachte. Für Veit Stoß ist Nürnberg zuständig, das Germanische Nationalmuseum hat die fällige Ausstellung organisiert: „Veit Stoß in Nürnberg.

Man hat also gar nicht erst versucht, das Gesamtwerk zu präsentieren, weil das ohnehin nicht möglich ist. Die großen, in Polen entstandenen Werke, allen voran der Krakauer Marienaltar, sind unerreichbar, nicht zu transportieren. Man hat auf Leihgaben aus anderen Museen verzichtet – bis auf eine, allerdings bedeutsame Ausnahme: Sämtliche zehn Kupferstiche, die erhalten sind, Rarissima der altdeutschen Graphik, sind in Nürnberg zu sehen (aus dem Besitz der Staatlichen Graphischen Sammlung München). Diese Kupferstiche bilden nicht nur eine Ergänzung zum Werk des Bildhauers, sie führen ins Zentrum seiner künstlerischen Konzeption: Hier wie dort, in der Graphik wie in der Skulptur, das gleiche stürmisch bewegte Lineament, die vehemente Gestik, die nicht inhaltlich, die formal expressiv motiviert ist. In seinem Einleitungsessay zu dem hervorragenden Handbuch, das zu der Nürnberger Ausstellung erschienen ist, hat der englische Kunsthistoriker Michael Baxandall auf den Zusammenhang zwischen der Kunst des Veit Stoß und der Nürnberger Schreibkunst hingewiesen.

Burleskes Abendmahl

In Nürnberg hat sich die Fraktur als deutsche Alternative zu italienischen und römischen Schriftarten entwickelt, in der die Linie sich unabhängig macht und nicht mehr nur der Übermittlung von Inhalten dient – das Eigenleben der Linie, das sich als „Notation von Form“ begreifen läßt, das nicht auf eine wie immer geartete „Kalligraphie“, auf Schönschrift hinausläuft, sondern auf kinetische Energie, Bewegung um ihrer Bewegung willen. Es gibt merkwürdigerweise sogar persönliche Beziehungen zwischen Veit Stoß und den Nürnberger Schreibmeistern. Johann Neudörfer, der 1519 ein Handbuch über die Schriftkunst verfaßte, hat 1547 die erste Biographie über Veit Stoß geschrieben:

„Dieser Veit Stoß ist nicht allein ein Bildhauer, sondern auch des Reißens, Kupferstechens und Malens verständig gewest, ist letztlich in seinem Alter erblindet, wurde 95 Jahre alt (hier hat Neudörfer wohl übertrieben, nach heutiger Ansicht ist er ungefähr 85 Jahre alt geworden). Er enthielt sich des Weins und lebte sehr mäßig. Seiner Arbeit findet man viel im Königreich Polen. Er machte dem König in Portugal Adam und Eva lebensgroß von Holz und Farben, solcher Gestalt und Ansehens, daß sich einer, als wären sie lebendig, davor entsetzt...“

Ein großartiges Beispiel für seinen Realismus, für eine frappierende Lebensnähe sind die Steinreliefs im Kirchenchor von St. Sebald, die „Volckamersche Gedächtnisstiftung“, der erste große Auftrag, den Veit Stoß nach seiner Rückkehr aus Krakau in Nürnberg auszuführen hatte, an dem er bis 1499 gearbeitet hat. Auftraggeber war der Ratsherr Paulus Volckamer, einer der wichtigsten Männer unter den Nürnberger Patriziern, der drei Szenen aus der Passionsgeschichte bei Veit Stoß bestellte. Auf dem linken Relief mit dem Abendmahl hat er sich mit einer geradezu revolutionierenden Kühnheit über die gesamte Bildtradition hinweggesetzt. Riemenschneider hat, ein paar Jahre später, im Heiligblutaltar in Rothenburg das gleiche Thema behandelt, im traditionellen Sinne: eine feierliche Versammlung würdiger Männer, die sich andächtig um Christus scharen.