ARD, Donnerstag, 30 Juni: „Das Streitgespräch“

Nein, das hat es noch nicht gegeben: Dieser Fall verdiente es, Eingang in die Fernsehgeschichte zu finden. Da redeten, in einem sogenannten Streitgespräch, zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, auf derart jämmerlichem Niveau miteinander, so unbedarft, sprunghaft und alleweil am Thema vorbei, daß die verantwortliche Anstalt, der Westdeutsche Rundfunk, die Notbremse zog und den beiden Schwadroneuren das Wort entriß – ausgeblendet vier Minuten vor der Zeit und, was ebenso witzig wie süffisant war, ein Kurzfilm gezeigt: Aufnahmen aus der historischen Sprechmaschinensammlung. Zwei alte Grammophone spielten trichterbewehrt gegeneinander; die Scheiben drehten sich, die Töne krächzten und die Schallmuscheln traten ins Bild, als seien sie gewaltige Münder.

Selbstironie, artikuliert von einem witzigen Mann, der, offenbar in heller Verzweiflung, die Disputanten durch Sprechmaschinen ersetzte: Nun aber endgültig Schluß, das ist ja nicht mehr auszuhalten, was hier geschieht! Und es war wirklich nicht auszuhalten: Ein Herr und eine Dame, die angetreten waren, über Sinn und Unsinn der Liebe zu debattieren, hatten sich übernommen, da sie ein Thema angingen, das zwischen Frau de Beauvoir und Herrn Niklas Luhmann, zwischen Jürgen Habermas und Helge Press, von mir aus auch zwischen einer historisch beschlagenen Feministin und einem liberalen Theologen hätte abgehandelt werden müssen... aber, liebe Freunde, doch nicht so! Nicht im Stil von Beratung und Bekenntnis, Tratschgeschichte und privater Enthüllung.

Sie: „Was meinen Sie, wie viele Frauen in der Ehe erniedrigt werden.“ Er: „Und Männer auch.“ Sie: „Vor allem aber Frauen. Ich weiß das aus dem Kreis der Alleinerziehenden.“ Er: „Ja, den gibt’s in München auch.“ Sie: „Ich habe die Erfahrung gemacht, wie sehr die Frauen ...“ Er: „Auch die Männer werden fertiggemacht. Ich hab’ ’n Freund und kenne einen Nachbarn, die sind fertiggemacht worden.“ So oder nahezu so ging’s vierzig Minuten: Sagte der eine „Solche Männer gibt’s auch“, entgegnete die andere „Nicht nur auch“, fragte der Herr „Warum wehren Sie sich dagegen?“, erwiderte die Dame: „Weil ich es schlimm finde.“ Danach er: „Ja, warum?“ Und daraufhin wieder sie: „Haben Sie mal Fromm gelesen?“

Der bare Aberwitz. Redete Partner A von Zeitungen und sexshops („Da dreht sich bei mir eben alles“), wetterte gegen Pornographie, Denver-Clan und Werte-Zerfall („Von dieser Phase müssen wir weg“), so beschränkte sich Partnerin B, wenn’s gar zu schlimm kam von der anderen Seite, auf ein wortloses Stöhnen, worauf A sich dann in die Lage versetzt sah, noch einmal von vorn zu beginnen: „Also, ich geh da von meiner Frau aus und von der Nachbarin.“

Seltsam, höchst seltsam, was hier geschah: Man wollte über die Liebe sprechen – ob sie hinreiche, eine auf Partnerschaft und Gleichberechtigung beruhende Ehe zu tragen – und spielte statt dessen absurdes Theater..., ein Theater, dessen Höhepunkt erreicht war, als der männliche Teilnehmer an diesem Un-Stück sich unter Partnern nur einen Geschäfts-Partner vorstellen konnte, einen Verkäufer, mit dem ein Preis auszuhandeln sei. Da freilich verschlug es nicht nur dem weiblichen Mitspieler und dem Zuschauer, sondern auch dem Herrn vom Westdeutschen Rundfunk die Sprache: Ins Archiv eilend holte er mit fliegenden Händen den Film „Historische Sprechmaschinensammlung“ aus dem Regal und gab dem Gelächter preis, was das Gelächter verdiente und eben deshalb nie und nimmer hätte ausgestrahlt werden dürfen.

Gelt, so war es doch, meine Damen und Herren vom WDR – und nicht etwa launischer Zufall oder unfreiwilliger Witz? Nein, daran wollen wir nicht glauben. Ein Rest von Vertrauen in Zerknirschungsfähigkeit und Einsicht der Rundfunk-Oberen ist uns, den Betrachtern am Bildschirm, denn doch noch geblieben. Und darum halten wir fest daran, daß sich, sobald die Katastrophe offenkundig zu werden begann, ein Mann auf den Weg gemacht hat, der ahnte, daß man nach so viel Pein dem Zuschauer etwas Besonderes zu bieten hätte. O ja, die Theologie weiß schon, weshalb sie den Begriff „Vorauseilender Gehorsam“ geprägt hat. Vorauseilender Gehorsam: Der wird es gewesen sein, der die Verantwortlichen vom WDR veranlaßt hat, das Studio vor der Zeit zu verlassen und, um die Hörer zu versöhnen, zwei Grammophone auf den Bildschirm zu zaubern.