Im Verfahren gegen den RAF-Aussteiger Peter Jürgen Boock hat sich der 2. Strafsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart von seinem psychiatrischen Sachverständigen getrennt. Der 74jährige Psychiater Hans-Joachim Rauch hat während des Krieges für die Forschungsstelle Heidelberg-Wiesloch gearbeitet. Es war das Zentrum nationalsozialistischer Forschung im Rahmen der Euthanasie. Rauchs Tätigkeitsbereich: „Hirnhistopathologie der Idioten.“

Das Oberlandesgericht hat einem Antrag der Verteidigung stattgegeben, Rauch wegen der Besorgnis der Befangenheit abzulehnen. Das Gericht, das Rauchs Vergangenheit während des Prozesses zur Kenntnis nehmen mußte, berief sich an erster Stelle auf den ZEIT-Artikel vom 13. Mai („Auf der Suche nach Gehirnen“), da hier „bestimmte tatsächliche Vorgänge unter Angabe von historischen Quellen aufzeigt werden“. Das Gericht stellte fest, es könne „offen bleiben“, ob die „Schlußfolgerungen zur persönlichen Verstrickung des Sachverständigen Rauch in nationalsozialistische Gewaltverbrechen richtig sind“. Darauf komme es nicht an.

Wenn aber der Angeklagte annehme, „die gegen Professor Rauch erhobenen Verdächtigungen seien begründet, so ist dies unter den genannten Umständen von seinem Standpunkt aus verständlich. Wenn aber der Angeklagte aus seiner Sicht davon ausgehen darf, der Sachverständige habe ... zu denjenigen gehört, die im nationalsozialistischen Unrechtssystem an Menschenversuchen teilgenommen und Geistesschwache bzw. Geisteskranke für Euthanasie-Tötungsaktionen .ausgewählt haben, und er es ablehnt, von einem Arzt begutachtet zu werden, der nach seiner Meinung in dieser Weise einem verbrecherischen System gedient hat, und er dessen Untersuchungsergebnissen ebenso mißtraut wie der Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit des Gutachters, ist diese Haltung und Besorgnis nicht unverständig.“

Damit ist der Versuch der Bundesanwaltschaft gescheitert, Rauchs Tätigkeit in einer NS-Forschungsstelle mit wechselnden Begründungen zu ignorieren oder zumindest zu bagatellisieren. Mehr noch: Die Heidelberger Staatsanwaltschaft hat inzwischen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Es ist dies der Versuch, nach vierzig Jahren zu klären, ob die Forschungsstelle Heidelberg-Wiesloch Patienten an Euthanasie-Anstalten überstellte, um die Beforschung der „Idioten“ mit der Sezierung der Getöteten abschließen zu können. Strafrechtlich geht es dabei um Mordverdacht. DZ