Katharina Focke

/ Von Nina Grunenberg

Als Katharina Focke am Mittwoch vergangener Woche zur Sitzung des Europa-Parlaments nach Straßburg kam, schlug ihr von allen Seiten, über die Grenzen der zehn Nationen und der vier Fraktionen hinweg, eine Woge des Wohlwollens entgegen. Die Nachricht, daß sie von den deutschen Sozialdemokraten als Spitzenkandidatin für die nächste Europawahl im Juni 1984 vorgeschlagen worden ist, hatte in Straßburg Laune gemacht. Soan in den Medien, von denen sich die Europa-Parlamentarier sonst eher stiefmütterlich behandelt fühlen, hatte die Meldung soviel Interesse geweckt, daß die Journalisten von sich aus kamen und um Interviews baten. "Prima, Katharina", hieß es, "mit Ihnen kann man was darstellen."

Das stimmt schon feierlich: In der Welt der Funktionärsbeton-Gesichter, die so häufig bestimmen, wie Politik aussieht, fällt die Einundsechzigjährige auf zierliche, aber bestimmte Weise aus dem Rahmen. Mit ihrem elegant frisierten Dutt, der betont hohen Stimme, den schicken Kostümchen auf der fragilen Figur und den Manieren einer altmodischen Tochter aus gutem Hause wirkt sie wie die Filmversion einer Biedermeier-Lady, die von den Stürmen des Lebens veredelt wurde, nicht nur einfach gezeichnet. Aber der kunstvoll stilisierte Schein, der so überzeugend glauben machen möchte, daß die Dame sich vorm Feuer fürchtet, trügt gewaltig. Katharina Focke ist weder zahm noch furchtsam, sie ist auch nicht von gestern. Sie benutzt nur die Waffen einer Frau, die mit Zähigkeit und Disziplin gelernt hat, daß zur Politik, wenn sie Wirkung haben soll, die Show gehört.

Aber auch der Inhalt stimmt. Ihr Europa-Engagement war für sie nicht irgendein Karriereziel, sondern hat einen soliden familiären und professionellen Hintergrund. Ihr Vater, der Publizist Ernst Friedlander, war ein ferventer Advokat der europäischen Einigung. Zeitweise bekleidete er das Amt des Präsidenten der Europa-Union. Ihr Mann war Generalsekretär des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung. Nach seinem Tode, als Katharina Focke eine Beschäftigung suchte, wurde sie Geschäftsführerin des Bildungswerkes Europäische Politik, Auch ihre Dissertation hatte mit Europa zu tun, sie handelt "über das Wesen des Übernationalen".

Politik lernte Katharina Focke bei der SPD. Sie trat ihr erst 1964 bei, mit 42 Jahren. Weder ihre Herkunft aus großbürgerlichem Hause noch ihr Lebensweg hatten sie dafür prädestiniert, viel eher war es ihr intellektuelles Bild von der Politik. Sie teilte es damals mit vielen Menschen, die an der Gesellschaft politisch mitformen wollten. Das schien am ehesten in der SPD möglich, die sich "nach Godesberg" weit geöffnet hatte.

Der Senkrechtstart, der ihr, kaum war sie in der Partei, gelang, verblüffte sie selber am meisten. 1966 war sie schon Landtagsabgeordnete in Düsseldorf. 1969 eroberte sie in Köln mit Bravour einen Bundestagswahlkreis, den die CDU fest in ihrer Hand geglaubt hatte. Sie habe, so heißt es im Munzinger-Archiv über diesen Abschnitt ihrer politischen Karriere, durch einen "überaus engagierten, unorthodoxen Wahlkampf" überrascht: "Das Wahlergebnis war ein Triumph, nämlich die größte örtliche Zuwachsrate für die SPD in Nordrhein-Westfalen: 10,2 Punkte, von 37,8 auf 48 Prozent. Die CDU fiel von 48,9 auf 36,9 Prozent zurück."