Alle Kanzler dieser Republik – die einenmehr, die anderen weniger – haben sich Informanten, Zuarbeiter, manchmal auch Ratgeber außerhalb ihres Apparates gesucht. Aber jeder von ihnen, von Adenauer bis Kohl, hatte seine spezifischen Rekrutierungsmethoden, besondere Umgangsformen, eigene Motive. Die Motive reichen von dem Wunsch, ungefilterte Informationen zu erhalten, über die Suche nach Zustimmung, (seltener) Widerspruch, fachlicher Auskunft bis zum Bedürfnis, Verständnis und Formulierungshilfe für jene Fragen zu gewinnen, die nicht so einfach im Koordinatensystem der Machtpolitik zu orten sind – für Veränderungen, Umbrüche der Realität und im Bewußtsein.

Das Wort „Ratgeber“ freilich weckt leicht irreführende Vorstellungen. Politischer Ratgeber wird nur, wer ständig in den Entscheidungsprozeß einbezogen ist. Wenn etwa in der ersten Regierungserklärung Kohls der wichtige, ja provokative Satz „Kernpunkt deutscher Staatsräson“ sei das westliche Bündnis dem Erlanger Historiker Michael Stürmer zugeschrieben wird, oder wenn in der zweiten der Begriff „Gesellschaft mit menschlichem Gesicht“ sich als eine Formulierung des Mainzer Politikwissenschaftlers Werner Weidenfeld herausstellt, so bedeutet das nicht, daß hier Ratgeber am Werk waren, die dem Kanzler eine neue Politik eingeredet hatten. Wohl aber heißt es, daß sich Kohl in diesen Formulierungen und wohl auch in den Vorstellungen, die hinter diesen Formulierungen stehen, wiedererkennt. Schließlich hat ja der Kanzler die Regierungserklärungen viele Stunden, ja tagelang, mit den Zuarbeitern, innerhalb und außerhalb der Amtshierarchie, erörtert, bis der Text seine Zustimmung fand.

Konrad Adenauer hielt, und das unterscheidet ihn von allen seinen Nachfolgern, von solcher Zuarbeit nicht viel. Er hat seine Reden, soweit man weiß, auf der Grundlage amtlicher Vorlagen, selber geschrieben. „Sie müssen nicht denken, daß ich nicht schöne Manuskripte habe“, hat Adenauer einmal einem Besucher anvertraut, benutzt hat er sie kaum. Für die Politik, von der er klare Vorstellungen hatte, suchte er vor allem Informationen, Herrschaftswissen, und dies lieferten Hans Globke, der Staatssekretär im Kanzleramt, und Heinrich Krone, der Fraktionsvorsitzende, in reichem Maß. Das Nachdenken über die Grundfragen der Politik besorgte er selber.

Werner Weidenfeld, ein ausgezeichneter Kenner der Adenauer-Jahre, beschreibt am Beispiel einer Denkschrift, die der erste Kanzler für den amerikanischen Außenminister Dulles Anfang 1959 ausgearbeitet hatte, die Arbeitsweise so: „Die Denkschrift hat er wie so viele Aufzeichnungen und Anregungen in zurückgezogener Stille allein entworfen, ohne die korrigierende Hand eines Referenten, ohne die Anleitung irgendwelcher Vorlagen von Mitarbeitern und Vertrauten.“

Natürlich hat Adenauer unendlich viele Gespräche geführt, Legion sind die Erzählungen von Besuchern, die der alte Herr mit vollendeter Höflichkeit empfing und von denen die meisten, nachdem ihnen der Kanzler aufmerksam zugehört hatte, nachher nicht wußten, welche Gedanken Adenauer für gut befunden hatte. Fred Luchsinger, der Bonner Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, war einer der häufigsten Besucher; die Informationen des Bankiers Abs und auch dessen Urteil in finanzpolitischen Fragen hat Adenauer hoch geschätzt. Ratgeber im strengen Sinn, vor allem für Finanzpolitik, war aber wohl nur der Bankier Robert Pferdmenges, dem er freundschaftlich verbunden war.

Vielen Gesprächspartnern empfahl Adenauer das Buch von Dieter Friede „Das russische Perpetuum mobile“ als beste Darstellung der russischen Geschichte. Friede hatte die These popularisiert, der Expansionsdrang der Zarenzeit sei mit der Politik der Sowjetunion identisch. Auch in Wilhelm Starlinger „Grenzen der Sowjetmacht“, ein Buch, in dem der Aufstieg Chinas zur Weltmacht und Spannungen zwischen Moskau und Peking prophezeit wurden, fand er seine Weltsicht bestätigt. Adenauer glaubte, „daß die Russen selbst einmal froh sein werden, wenn sie im Westen nichts zu befürchten haben, um sich gegen Rotchina halten zu können“.

In der Innenpolitik fühlte Adenauer gegen Ende seiner Regierungszeit, daß sich etwas in der Republik veränderte, aber, so urteilt einer seiner Begleiter von damals, auf den politischen Begriff vermochte er es nicht mehr zu bringen. Hier setzte Ludwig Erhard an; er hatte, wie es Rüdiger Altmann einmal formuliert hat, ein Ahnungsvermögen für die Veränderung, ein Gespür, daß „der harte Kern des modernen Staates die industrielle Gesellschaft ist“.