Streit um ein historisches Dokument, das ins Zwielicht geraten ist. Eine Antwort

Von Karl Dietrich Erdmann

Nach den Tagebüchern Hitlers die von Riezler, nach dem stern die ZEIT. Während es im ersten Fall darum ging, ein gefälschtes Tagebuch als echt zu verkaufen, soll diesmal ein echtes aber unbequemes Dokument vom Tisch. Nicht als ob behauptet würde, daß Kurt Riezler, der Gesprächspartner des Reichskanzlers Bethmann Hollweg in den kritischen Tagen des Juli/August 1914, seine Tagebücher nicht selber geschrieben hätte. Aber, so möchte man die Leute glauben machen, diese Tagebücher seien von ihm selber später nach dem Krieg überarbeitet worden, um die Wahrheit über die deutsche Kriegsverantwortung zu verschleiern; sein Bruder Walter habe als zweiter Missetäter die Aufzeichnungen zusätzlich verzerrt und verfälscht; und schließlich – wie könnte es anders sein – hätten die „konservativen“ Historiker fleißig mitgeholfen, diese Manipulationen zu vertuschen. Der Bericht Janßens ( DIE ZEIT, 10. 6. 1983), über die an den Riezler-Tagebüchern neuerdings entzündete Historikerkontroverse, bedarf der Korrekturen, ohne daß es wegen der Knappheit des für diese Replik zur Verfügung gestellten Raumes möglich wäre, auf jeden einzelnen Punkt der einseitig erhobenen Vorwürfe einzugehen. Es sei zunächst an das Sachproblem erinnert, das sich hinter der quellen- und editionskritischen Kontroverse verbirgt.

Die im Umgang mit dem Reichskanzler gewonnenen Eindrücke Riezlers über dessen Gedanken und Absichten in der Julikrise 1914 entsprachen weder der deutschen Apologetik gegen die Versailler Schuldthese nach dem Ersten Weltkrieg, so als sei Deutschland wider Willen in einen von außen aufgezwungenen Krieg hineingezogen worden, noch der nach dem Zweiten Weltkrieg vertretenen extremen Gegenposition, so, als handele es sich „bei dem im Juli 1914 von den deutschen Politikern ausgelösten Krieg ... um den Versuch, bevor die gegnerischen Mächte zu sehr erstarrt waren, diese zu unterwerfen und die deutschen politischen Ziele, die sich unter den Begriff der Hegemonie Deutschlands über Europa subsumieren lassen, Deutschlands (Fischer, Krieg der Illusionen). Zunächst seien Zur Orientierung einige Textstellen wiedergegeben. Es handelt sich um Textstellen Bethmann Hollwegs, über die Riezler in seinen Hohenfinower Aufzeichnungen referiert.

Von langer Hand vorbereitet?

7. 7. 1914: „Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen.“

8. 7. 1914: „Kommt der Krieg aus dem Osten, so daß wir also für Österreich-Ungarn und nicht Österreich-Ungarn für uns zu Felde zieht, so haben wir Aussicht, ihn zu gewinnen. Kommt der Krieg nicht, will der Zar nicht oder rät das bestürzte Frankreich zum Frieden, so haben wir doch noch Aussicht, die Entente über diese Aktion auseinander zu manövrieren.“ Als Konsequenz aus dem Entschluß zur Übernahme des Kriegsrisikos sah der Reichskanzler also die Alternative: entweder Krieg oder die Chance einer politischen Sprengung der Entente. Fischer versteht diese Stelle so, als habe Bethmann es in erster Linie auf Krieg abgesehen. Dem widersprechen jedoch folgende Äußerungen: