Von Claudia Sautter

Was unternehmen wir denn heute?“ Immer sonntags quälten uns die Eltern mit dieser Frage. Das bedeutete nämlich: Rein in die weißen Söckchen und Lackschühchen – die Haare wurden uns zu Zöpfen festgezurrt, in irgendeinem Ausflugsort mußten wir vor langweiligen Schaufenstern stehenbleiben und immer an der Hand gehen, im Café stillsitzen und nicht kleckern. Nach dem Nachmittagskaffee dann wieder rein ins Auto, da fuhr Mutter den großen Wagen. Das durfte sie immer sonntags. Es war schrecklich, und ich habe es zutiefst gehaßt.

Ich verspüre noch etwas von diesem Kindheitsalptraum, als ich die vielen Familien durch den Heidepark Soltau schlendern sehe. „Andreas, Manuela, kommt hierher!“ und: „Roger, fall nicht runter!“ Über dem Freizeitareal ertönt sonntags der große Gesang der Disziplinierungssätze. Die neue Form des Vergnügungsparks konditioniert allerdings das Verhalten von Eltern und Kindern unerbittlicher, als ich es in meiner Kindheit erlebte: Auf dem Plan des Geländes, der überall ausliegt, sind 48 Stationen des Vergnügens abzulaufen, „nichts ist da noch dem Zufall überlassen, die gepflasterten Wege diktieren die Schritte, eine Vergnügungsarbeit jagt die andere, immer sorgfältig unterbrochen von reetgedeckten Hütten des Konsums. Kaum verläßt man die Wildwasserbahn, lauert ein Fachwerkhäuschen mit den Produkten der Souyenirindustrie: Plüschbären, Nippes, Ansichtskarten, T-Shirts mit Aufdruck Heidepark...

Die Vergnügungsparks sind ein Geschenk Amerikas an die Alte Welt. Disneyland war Vorbild. In diesen Freizeit- und Erlebnisgärten ist nichts mehr erhalten von dem sinnlichen Zauber der alten Jahrmärkte; jetzt triumphieren als Phantasiewelten verkaufte amerikanische Realitäten: große Westernstadt, Indianerlager, Cowboy-Express, Crazy cars, Looping-Hochbahn, Cape Kennedy, Affen-Express. „Disney-Land“, so analysierte der französische Philosoph Jean Baudrillard, „zieht die Massen an, weil es ein sozialer Mikrokosmos ist, weil es das reale Amerika darstellt, mit seinen Zwängen und seinen Freuden. Das ganze reale Amerika ist Disneyland.“

Der Heidepark Soltau gibt sich Mühe, dem amerikanischen Standard zu entsprechen. Station Nummer 40: Elektronisches Lichtschießen. Ein Westernszenario ist da aufgebaut. Kakteen aus den Wüsten Arizonas, deren Ohren wackeln, wenn man die kleine Schießscheibe trifft, das Kreuz auf dem Grab von Little Joe, auf dem sich ein Bowler beim Treffer dreht, ein Skunk, der den? Kopf schüttelt, ein Geier, der kreischt, der Totenschädel eines Rindes, das brüllt, die Klapperschlange die zischt, eine Cola-Dose, die hochhüpft (eine historische Ungenauigkeit des Ausstatters), ein Pianist, der klimpert, die Pfanne an der Seite eines Planwagens, die wie verrückt gegen einen Klöppel schlägt. Und über all dem thront der riesige Kopf eines Elchs, der mit seinen Geweihschaufeln winkt und die Augen rollt. Da gleichzeitig zehn Männer schießen und einige auch treffen, ist die Schießbude erfüllt von einem infernalischen Lärm. Leider hat keiner den Mann getroffen, der sich eine Pistole an die Schläfe setzt: Ich hätte gerne gesehen, was der macht.

Mit diesen boings, zängs, dongs, zzzittts und bings im Ohr zieht es mich zu einer neuen Geräuschquelle. Aus der Biegung eines Weges marschiert uns eine buntuniformierte amerikanische Girltroop entgegen, mit wippenden Miniröckchen, Ninotschka-pelzkappenumrahmt die Gesichter, schnürleibchengezwangt die Figuren, zackig ein Knie vor das andere setzend. „Das Wandern ist des Müllers Lust“ spielen sie, weil man ja in Deutschland ist, und einer der modischen Alaska-Schlittenhunde kläfft hysterisch die vorbeiziehenden Jungmädchenschenkel an. „Willst wohl ein Wachhund werden“, erkennt Herrchen ganz richtig.

Gleich danach fährt ein Wagen mit lebensgroßen Puppen vorbei: Die Heido-Comics Wumbo, Rabix, Rochus, Ali ben Gator und Sör Henry (von dem Erfinder des Heideparks kreiert) winken uns blöde grinsend zu. Sie verschwinden so schnell wie ein Trugbild. Mehrmals täglich ziehen sie durch den Heidepark und posieren für die Familienalben der Besucher.