Einen Kredit von tausend Millionen Mark kann die DDR gut gebrauchen. Wie andere Ostblockstaaten hat die DDR in den siebziger Jahren versucht, die Produktivität ihrer Wirtschaft mit westlichen Krediten zu steigern. Allein im innerdeutschen Handel wuchs deshalb ihre Nettoverschuldung auf 4,2 Milliarden Mark; davon entfallen fünfhundert Millionen Mark auf die Inanspruchnahme des zinslosen Verrechnungskredits (Swing), der Rest auf Lieferantenkredite, die zum Teil noch aus der Lieferung von Großanlagen herrühren. Mehr und mehr wird nun auch darüber geklagt, daß die DDR selbst für den Einkauf von Konsumgütern und Lebensmitteln Zahlungsziele von ein bis zwei Jahren durchzusetzen versucht. Während die DDR von 1980 bis 1982 im innerdeutschen Handel ihre Verschuldung infolge von Lieferüberschüssen verringern konnte, ist sie im laufenden Jahr wieder um etwa vierhundert Millionen Mark gestiegen.

Bisher ist die DDR ihren Verpflichtungen immer pünktlich nachgekommen, so daß die – Zurückhaltung westlicher Banken eigentlich ungerechtfertigt ist. Aber die Lieferüberschüsse im innerdeutschen Handel und die aktive Handelsbilanz mit dem übrigen sogenannten "nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW)" – über deren Höhe es stark abweichende Angaben gibt – reichen jedenfalls nicht aus, um alle fälligen Zahlungen zu leisten. Zusätzliche Erleichterung schaffen die Westgeldeinnahmen für Investitionen im Berlin-Verkehr, Transit- und Postpauschale sowie andere Leistungen aus dem Bundeshaushalt, ferner Einnahmen aus dem Mindestumtausch, dem Intershop und dem Gemex-Geschenkdienst. Diese Einnahmen werden in diesem Jahr zusammen etwa 1,8 Milliarden Mark ausmachen.

Im letzten Jahr konnte gleichwohl die DDR alle Zahlungsverpflichtungen nur erfüllen, indem sie eigene Guthaben im Westen auflöste. Diese Manövriermasse wird jedoch geringer.

Erschwert wurde die Situation der DDR schon 1982 dadurch, daß die Sowjetunion ihre Erdöllieferungen von bislang 19 Millionen Tonnen um zwei Millionen Tonnen kürzte. Dies zwang die DDR zu zusätzlichen Rohöleinkäufen auf dem Weltmarkt und führte zu unvorhergesehenen Devisenausgaben. Wenn die Angaben der DDR stimmen, daß 1982 in Betrieben und Einrichtungen der Volkswirtschaft 25 Prozent Heizöl, 30 Prozent Benzin und 13 Prozent Dieselkraftstoff eingespart werden konnten, dann ist dadurch zwar fraglos auch die Devisenbilanz etwas entlastet worden, aber derart massive Einschränkungen konnten nicht ohne Einfluß auf die Produktion bleiben.

Das Wachstum des Nationaleinkommens blieb 1982 mit drei Prozent und das der Industrieproduktion mit 3,2 Prozent deutlich hinter den Vorjahresergebnissen zurück. Da die DDR zugleich auf Grund ihrer Devisenlage zu einer "Exportoffensive" gezwungen war und ihre Exporte in OECD-Länder 1982 um 17 Prozent steigern konnte, während sie ihre Importe aus diesen Ländern (ohne Bundesrepublik) um ein Drittel kürzte, hat sich die Versorgung im Inland deutlich verschlechtert. Im Herbst 1982 führte dies zu erheblichen Engpässen bei der Bereitstellung von Lebensmitteln und Konsumgütern, so daß die DDR-Führung die Importbremsen zwangsläufig lockern mußte. Das kam vor allem dem innerdeutschen Handel zugute.

Im laufenden Jahr hat sich die Situation anscheinend etwas entspannt. Das Exportziel, so der Berichterstatter Horst Dohlus vom Politbüro der SED, "war jedoch höher gesteckt". Erneut sprach er von einem "Wirtschaftskrieg imperialistischer aggressiver Kreise" gegen sozialistische Länder. Da wußte er offenbar noch nichts von dem Milliardenkredit aus Bonn.

Joachim Nawrocki