Vor drei Jahren zogen Wolf-Dieter Hasenclever und fünf weitere Grüne in den Stuttgarter Landtag ein: der erste Erfolg der neuen Partei in einem Flächenstaat. Jetzt verzichtete Hasenclever auf eine erneute Kandidatur.

ZEIT: Ihr Kreisverband hat gefragt, ob Sie zur Landtagswahl im März 1984 kandidieren wollen. Sie haben abgelehnt. Warum?

Hasenclever: Für die Landtagsabgeordneten in Baden-Württemberg soll in Zukunft – nach Meinung meines Tübinger Kreisverbandes – eine Rotation eingeführt werden. Ich bin schon seit längerem als Gegner dieses Rotationsprinzips hervorgetreten. Ich wäre sehr inkonsequent gewesen und letztlich auch unglaubwürdig geworden, wenn ich mich selber einer solchen Rotationsregelung unterworfen hätte.

ZEIT: Sie ziehen sich ganz zurück, gehen als Pädagoge in ein Landerziehungsheim. Ist das Ihr Abschied von der Politik?

Hasenclever: Vorerst sicher. Auf Dauer aber nicht. Ich sehe diese Tätigkeit in dem Landerziehungsheim, in der Ursprungsschule, auch als politisch wichtige Tätigkeit an. Ich denke, daß die ökologische Wende aus den Menschen heraus kommen muß. Und da braucht man auch eine Art von Pädagogik.

ZEIT: Wie tief ist der Riß zwischen denen, die der Basisdemokratie und der Rotation für Abgeordnete das Wort reden, und jenen, die mehr Kontinuität und Professionalisierung bei den Grünen wünschen?

Hasenclever: Dieser Riß ist ja schon seit einiger Zeit offenkundig. Kompromisse zwischen beiden Richtungen waren bislang möglich. In der Rotationsfrage gibt es für mich persönlich keinen Kompromiß.

ZEIT: Haben jetzt Mißtrauen und Neidhammelei überhandgenommen bei den Grünen Baden-Württembergs?

Hasenclever: Das ist ein grundsätzliches Problem bei den Grünen, die ja ein eingebautes, ein institutionalisiertes Mißtrauen gegen ihre Mandatsträger und Vorstandsmitglieder besitzen. Das führte zu Rücktritten oder Rückzügen aus der Politik. Und es zieht den überdurchschnittlichen Verschleiß der Mandatsträger mit sich.

ZEIT: Die Grünen in Baden-Württemberg standen bisher immer für eine ökologisch orientierte Politik. Nehmen jetzt die Linken das Ruder in die Hand?

Hasenclever: Links und ökologisch muß nicht unbedingt ein Gegensatz sein. Man kann natürlich auch eine linke Politik machen, die ökoloisch orientiert ist. Ich denke, daß das in Hamburg durchaus gemacht wird. Nur, man muß sehen, daß sich ein einzelner Landesverband auf die Dauer auch nicht erfolgreich gegen eine Bundesströmung behaupten kann.

ZEIT: Hat Ihre Partei nach Ihrem Rückzug noch eine Chance, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen?

Hasenclever: Ja. Wir haben hier in Baden-Württemberg doch ein ganz gutes Polster an Stimmen angesammelt. Und ich denke, daß die Wähler der Grünen weniger auf Personen achten als auf Programme. Außerdem wollte ich ein Signal setzen; zeigen, daß grüne Mandatsträger sich nicht an ihre Posten, an Ruhm und an Macht klammern.

Michael Schwelien