Von Christoph Bertram

Über dreitausend Naturwissenschaftler kamen am vergangenen Wochenende in Mainz zusammen, um ihren Beitrag zur Nachrüstungsdebatte zu leisten. Ihr Fazit, formuliert in einem „Mainzer Appell“: „Wir fordern die Bundesregierung auf, die Stationierung von Pershing II und Cruise Missiles nicht zuzulassen.“

Wissenschaftler oder Staatsbürger? Dazwischen mochte und konnte sich der Kongreß nicht entscheiden. Denn natürlich sind auch Wissenschaftler Staatsbürger, und die atomare Frage ist kein Monopol der Experten. Umgekehrt: wenn Wissenschaftler etwas sagen, dann hat dies schon deshalb Gewicht. Und es gewinnt zusätzlich an Bedeutung, weil die alten Autoritäten in diesem Bereich, die Strategieexperten und die Politiker, an Überzeugungskraft in der öffentlichen Diskussion verloren haben,

Wo die alten Autoritäten versagen, melden sich neues Friedensbewegung, Bischöfe, Gewerkschaften, Wissenschaftler. Aber während bei jenen Überzeugung und Empfindung als Legitimation für ihr Unbehagen ausreichen, sind Wissenschaftler, gerade wenn sie als solche auftreten, den Regeln ihres Standes verpflichtet: Ergebnisse dürfen nicht nur empfunden, sie müssen bewiesen sein.

Aber hier liegt die Schwierigkeit. Naturwissenschaftliche Beweise lassen sich in der Politik kaum führen. Atomare Abschreckung, ihre Wirkung wie ihr Versagen, ist kein technisch-wissenschaftliches, sondern ein psychologisch-politisches Problem: Abschreckung funktioniert, wenn die andere Seite sie ernst nimmt. Die Bewertungsmaßstäbe sind subjektiv, und sie sind fließend. Auch Naturwissenschaftler können keine wissenschaftlichen Beweise vorlegen. Denn es gibt – glücklicherweise – kein Beweismaterial: Niemand weiß, wie ein nuklearer Weltkrieg aussehen würde, und wüßten wir es, dann wäre es für die Menschheit zu spät. Lineare Beweisführungen – weil A, deshalb auch B die auch in der Friedensbewegung beliebt sind, greifen daher nicht. Das gilt auch für das in Mainz immer wieder vorgetragene Argument, nicht der Mensch, sondern der Computer werde demnächst die Entscheidung treffen, ob die Welt in den nuklearen Holocaust geworfen wird: auch hier haben die politischen Führer in Washington und Moskau so sichergestellt, wie dies möglich ist, daß die Entscheidung allein bei ihnen bleibt.

Wer anderes beweisen will, der kann das kaum mit den Argumenten des Wissenschaftlers tun. Der muß auf die Überzeugung des Bürgers zurückgreifen. So wurde denn auch in vielen der Mainzer Beiträge der Graben zwischen dem Beweisbaren und dem Ungewissen mit politischen Überzeugungen überbrückt: Der „besorgte Bürger“ trat auf im Gewand des „objektiven“ Wissenschaftlers.

Allerdings muß wohl immer beides Zusammenkommen, wenn die Suche nach rationalen Kriterien für die Bewältigung des atomaren Zeitalters weitergehen soll; ohne Engagement kann sie ebensowenig gelingen wie ohne Respekt vor den Fakten. Der Mainzer Kongreß hat dazu manches Periphere, aber auch manches Wichtige gebracht. Wer noch nicht weiß, wie zerstörerisch eine Atomexplosion ist, der hat auf dem Mainzer Domplatz von Fachleuten gerade dies eindringlich erfahren, als die Wirkung eines SS-20 oder – zur politischen, nicht wissenschaftlichen Symmetrie – eines Polaris-Einschlages von kundigen Forschern analysiert wurde.