WDR III, Nord III, HR III, jeweils sonntags ab 10. Juli, 18.30 bzw. 18.45 Uhr, in neun Folgen: David W. Griffith, Filme für die American Biograph Company, vorgestellt von Helmut Färber

Kaum eine Kunst pflegt so sehr wie die jüngste, die Filmkunst, den Kult der Jugend. Niemand würde daran denken, eine Statue der Antike oder ein Musikstück des Barock für altmodisch, gar für überholt zu halten. Nur beim Film hält sich hartnäckig der Verdacht, er hätte lange Zeit in Kinderschuhen höchst unsicher auf den Füßen gestanden, erst in den zwanziger, ja sogar erst mit dem Tonfilm in den dreißiger Jahren seine volle Reife erlangt.

Kaum 15 Jahre ist es her, daß einer der führenden amerikanischen Filmhistoriker und -kritiker, Andrew Sarris, mit Erleichterung feststellen konnte: „Es ist an der Zeit, daß D. W. Griffith vom falschen Piedestal eines altmodischen, überholten Pioniers geholt wurde. Das Kino Griffiths ist ebensowenig überholt wie das Drama des Aeschylos.

Inzwischen sind Meilensteine der Filmgeschichte wie „The Birth of a Nation“ (1915) und „Intolerance“ (1916) immerhin dem Namen nach vertraut, spätere Meisterwerke wie „Broken Blossoms“, „True Heart Susie“, „Way Down East“ und „Orphans of the Storm“ werden bisweilen in den kommunalen Kinos gezeigt. Doch weiterhin so gut wie unbekannt sind die Filme, die D. W. Griffith in den Jahren zwischen 1908 und 1913 für die Biograph Company drehte.

In diesen mehr als 350 Arbeiten, anfangs nur Einakter, die nicht länger als eine Filmrolle waren, erfand Griffith die „Sprache des Films“. Doch es ist müßig, darüber zu streiten, ob es tatsächlich Griffith – und sein genialer Kameramann Billy Bitzer – waren, die zuallererst die Großaufnahme benutzten, das Auf- und Abblenden oder welche cinematographische Technik auch immer. Entscheidend ist, daß Griffith all dies konsequent als Stilmittel eingesetzt hat, zur Erhöhung der Spannung, zur Steigerung des Gefühls. In seinen Jahren bei Biograph schuf und vollendete Griffith die filmische Erzählweise.

Die meisten der 16 Filme, die der WDR in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art in New York von den Originalnegativen hat herstellen, teilweise sogar „viragieren“, das heißt handkolorieren lassen, waren bislang bei uns noch nicht zu sehen. „A Corner in Wheat – Eine Spekulation in Weizen“ ist einer der aufregendsten, ein Zwei-Akter vom Dezember 1909, dessen Schnittechnik Eisensteins Montage in vielem vorwegnimmt. Drei Parallelhandlungen, die nie zusammengeführt werden, zeigen die Bauern, die den Weizen anbauen, die Armen, die im Laden um Brot anstehen und schließlich den Weizenspekulanten, dessen Gewinne die Brotpreise ins Unerschwingliche treiben und die Bauern verarmen lassen. Schon zeitgenössische Kritiker begeisterten sich über die ersten Bilder: „eine künstlerische Bauernhofszene im Stile von Millet“.

Griffith läßt die dem Film als Bühnenrelikt auferlegten Beschränkungen der Bewegung hinter sich. Der Bauer mit seinen Pferden, der Sämann, sie bewegen sich auf die Kamera zu, von ihr weg, erzeugen Tiefe des Raumes, machen die dritte Dimension sichtbar. Auf dem Höhepunkt des Gewinnfiebers feiert der Spekulant seine Erfolge mit einem üppigen Bankett. Griffith schneidet gegen das Gelage Bilder aus dem Laden, wo die Armen vergeblich um Brot anstehen – kein eingefrorenes Bild, Freeze-Frame, wie man es heute benutzen würde, sondern Stillstand in der Bewegung der Schauspieler, hier und da an kleinen Regungen sichtbar. Den Spekulanten ereilt symbolträchtig der Tod durch den Weizen – in einem Silo wird er verschüttet aus den herabrieselnden Körnern ragt noch lange seine Hand, im Todeskampf verkrümmt. Am Ende durchmißt wieder der Bauer sein Feld. Die soziale Sprengkraft eines solchen Films erkannte die Zensur sogleich: Im Deutschen Kaiserreich wurde „A Corner in Wheat“ 1912 verboten.