Von Dietrich Strothmann

Es geht nichts mehr? Es geht doch noch etwas? Warum es der amerikanische Außenminister George Shultz auf sich genommen hat, während seiner Rückreise von Südostasien nach Washington im Nahen Osten Zwischenstation zu machen, gibt allen – Arabern wie Israelis – nur Rätsel auf. Hat er, wo er doch sein ganzes Prestige in die wackelige libanesische Waagschale wirft, noch etwas im Köcher? Oder mußte er nur der letzten Hoffnung seines Präsidenten Folge leisten, der von seiner nahöstlichen Friedensinitiative wenigstens eine Libanon-Lösung retten will?

Es geht nichts mehr im Libanon – das ist, in seltener Eintracht, die Meinung von Israelis und Syrern. Im Mai hatte Jerusalem, unter der Mithilfe von George Shultz, einem Rückzugsabkommen mit Beirut zugestimmt, unter der Bedingung, daß auch Damaskus seinen libanesischen Teil im Osten und Norden räumt. Das war indessen von Anfang an nicht zu erwarten. Jetzt, wo sich die Sowjets in Syrien eingenistet haben und am Nahost-Tisch sitzen, wo Präsident Assad dem verhandlungswilligen PLO-Chef Arafat eine bittere Lektion erteilt, ist erst recht nicht mit einem syrischen Einlenken zu rechnen. Die amerikanische Diplomatie wird daran nichts ändern können, auch nicht mit saudischem Beistand. Riad, das beide Kampfhähne finanziell unterstützt – Syrer wie die Palästinenser –, hält sich weise zurück.

Auch die Israelis richten sich im Libanon auf eine lange Krisenzeit ein, und das heißt für sie: auf eine lange Besatzungszeit. Demnächst wird das Kabinett darüber entscheiden, wie es sich in seiner „Nordbank“ einzurichten gedenkt: mit Sicherheitszäunen, befestigten Stellungen, einem verschärften Anti-Guerillakampf und einem „Befriedigung“-Programm für die arabische Bevölkerung im Südlibanon – wie am Westufer des Jordan. Den Rest, das zwischen Christen und Moslems umkämpfte Gebiet südlich Beiruts und in der Schuf-Region – aus dem sich die Israelis bis nördlich der Stadt Sidon einseitig zurückziehen wollen –, sollen dann die US-Marines von der multinationalen Streitmacht kontrollieren. Dies könnte Menachem Begin drei Vorteile verschaffen: Sicherheit vor palästinensischen Überfällen auf den israelischen Norden, Verringerung der Verluste an Soldaten bei Zusammenstößen mit Fatah-Freischärlern und eine Option für eine endgültige Libanon-Lösung nach eigenen Vorstellungen.

Tatsächlich bedeutet die israelische Intention einer „Umgruppierung“ der Invasions-Armee wie der Teilabzug euphemistisch bezeichnet wird – die Teilung des Libanon: in ein israelisches Besatzungsgebiet bis vierzig Kilometer nördlich der Grenze, in einen syrischen Herrschaftsbereich im Osten des Landes sowie in ein schmales Relikt um die Stadt Beirut herum für den „Staat“ Libanon unter Präsident Amin Gemayel. Um das im letzten Augenblick zu verhindern, begab sich George Shultz auf seine Erkundungsmission. Denn, so einer seiner Nahost-Berater in Anspielung auf die Absichten Jerusalems: „nichts ist so dauerhaft wie ein Provisorium“.

Darum hatte Washington auch kurz zuvor einen eigenen Plan präsentiert, den freilich israelische Minister sogleich als „lachhaft“ abqualifizierten: Israel sollte einen Terminkalender für seinen vollständigen Rückzug aus dem Libanon vorlegen, um damit die Syrer in Zugzwang zu bringen, ihrerseits die Truppen abzuziehen. Die vorzeitige Veröffentlichung dieses amerikanischen Vorhabens besiegelte auch schon sein Schicksal, wie es wohl beabsichtigt war: Die Syrer, lautete die einmütige Ablehnung durch Begins Kabinett, könnten glauben, sie brauchten nur lange genug zu warten, bis ihnen der Libanon in den Schoß fiele.

Es gibt auch eine andere, durchaus glaubhafte Version für die vorschnelle Publikation: Die Amerikaner wollten die barsche Zurückweisung durch Jerusalem nur provozieren, um Begin damit von dem vorgesehenen Teilabzug abzubringen, wiederum mit dem Argument, die Syrer würden sich sonst Hoffnungen über Israels „Schwäche“ machen. Denn einmal richtet sich Begins Politik der „Umgruppierung“ gegen die amerikanische Intention, eine Teilung des Libanon zu verhindern; zum anderen müßten bei der Räumung gerade des unter den Libanesen umkämpften Territoriums die US-Einheiten erheblich verstärkt werden, um Ordnung halten zu können. Washington wäre dann noch mehr in den libanesischen Dschungel verstrickt. Das muß George Shultz verhindern; darum folgte er Reagans Anweisung zu seinem abenteuerlichen Abstecher.