DIE ZEIT

Konterbande

Über Prag, wo er fast sein kurzes Leben lang lebte, schrieb Kafka einmal: „Dies Mütterchen hat Krallen.“ In Prag haben jetzt Angehörige der österreichischen Botschaft, der jüdischen Kultusgemeinde und einige Freunde seiner Werke den Dichter geehrt.

Politik über den Herbst hinaus

Trotz aller Konflikte undFallgruben im Ost-West-Verhältnis ist der Bonner Draht nach Moskau seit Beginn der siebziger Jahre intakt geblieben.

Realismus bei den Renten

Nur ein paar routinierte Klagen zuständiger Partei- und Verbandspolitiker lassen darauf schließen, daß sich etwas verändert hat.

Kranke an der Macht

Eigentlich sah die Tagesordnung vor, daß der Genosse Lenin als letzter das Wort ergreifen sollte. Doch überraschend trat er als erster ans Pult: „Ich bin sehr leidend, es geht nicht anders“, entschuldigte er sich.

Worte der Woche

„Es war schon immer meine Überzeugung, daß durch einen göttlichen Schöpfungsplan diese Nation ihren Platz zwischen zwei Ozeanen eingenommen hat, damit sie von jenen, die ein besonderes Kennzeichen des Mutes und der Freiheitsliebe tragen, aufgesucht und aufgefunden werde.

Helmut Kohl in Moskau: Dem Kanzler wurde nichts geschenkt

Helmut Kohl stürmte die „Andropolis“ fürbaß. Seit Chruschtschows Tagen hat kein ausländischer Staatsgast und auch kein sowjetischer Parteichef einen solchen Einzug im Kreml gehalten wie der Bundeskanzler am frühen Dienstagmittag.

Zeitspiegel

Die nordirische Terrororganisation IRA kann britischen Polizeiberichten zufolge dank billiger mikroelektronischer Bauteile mit größter Präzision ihre Bomben schon Monate vor dem geplanten Zeitpunkt der Detonation programmieren und deponieren.

Freibrief

Das Schwurgerichtsurteil über den Münchener Polizisten, der einen vierzehnjährigen Jungen erschoß, gibt nicht allein wegen seiner erstaunlichen Milde – sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung – Anlaß zur Kritik, Die Richter zogen sich, gleichsam um das Ergebnis zu rechtfertigen, auf einen Straftatbestand fahrlässige statt der angeklagten vorsätzlichen Tötung – zurück, wie er der Tat beim besten Willen nicht gerecht wird: Das Delikt der fahrlässigen Tötung hat seinen Geltungsbereich bei Verkehrs- und allenfalls noch Sport- oder Jagdunfällen.

Sacharow

Sie stahlen ihm die Aktentaschen mit dem fast fertigen Buchmanuskript aus dem Auto, nachdem sie ihn zuvor narkotisiert hatten; sie entwendeten wissenschaftliche Papiere und Tagebücher aus seiner Wohnung und eines Tages auch das noch einmal neugeschriebene Buchmanuskript.

Parolen

Beim Beginn der griechischen EG-Präsidentschaft besteht wenig Anlaß zu freudiger Erwartung..................................

Demonstrationsrecht: Zurück zu Bismarck?

Der Streit ist nicht neu, die Argumente gewinnen durch Wiederholung auch nicht an Schlagkraft; bestenfalls macht der Elan staunen, mit dem die alten Schlachten noch einmal geschlagen werden.

Gerd Bucerius zu Fragen der Zeit: Parlament und Flick-Aktien

Da hatte man wieder geglaubt, man könnte – müßte also – auf die Barrikaden steigen und die Gerechtigkeit verteidigen: gegen die Tycoons, die von anfälligen, gar bestochenen Politikern vor den Folgen ihrer schlimmen Taten geschützt werden.

Gaullisten: Werben mit Europa

Auf den ersten Blick hat die Geschichte etwas märchenhafte Züge: Die gaullistischen Verteidiger der französischen Sonderrolle unter Jacques Chirac bieten der Europa-freundlichen Partei, die sie noch vor Jahren als „Partei des Auslandes“ gescholten hatten, eine Einheitsliste für die Europawahlen vom Juni 1984 an, und zwar unter Führung von Simone Veil, die 1979 bis auf den Präsidentenstuhl des Europa-Parlaments getragen worden war und bis heute einen Spitzenplatz Dei allen Meinungsumfragen hält.

Skandal in Washington: Schatten über Ronald Reagan

Was Ronald Reagan noch vor wenigen Tagen als „viel Lärm um nichts“ abtat, wird für ihn immer mehr zum Ärgernis. Washington hat einen neuen politischen Skandal, und wieder einmal steht das Weiße Haus im Mittelpunkt.

Naher Osten: Im Dickicht des Libanon

Es geht nichts mehr? Es geht doch noch etwas? Warum es der amerikanische Außenminister George Shultz auf sich genommen hat, während seiner Rückreise von Südostasien nach Washington im Nahen Osten Zwischenstation zu machen, gibt allen – Arabern wie Israelis – nur Rätsel auf.

Unctad: Dialog der Gehörlosen

Fast vier Wochen lang haben rund viertausend Delegierte aus 160 Ländern auf der Welthandelskonferenz der Vereinten Nationen (Unctad VI) in Belgrad über Weltwirtschaft und Entwicklung der Dritten Welt geredet.

Maximum des Machbaren

Wer nach der Flüsterpropaganda und den wenigen Handzetteln, die die Organisatoren aus der Erlöser-Gemeinde verteilten, einen verschwiegenen Zirkel erwartete, sah sich getäuscht.

„Ein personelles Opfer“

Vor drei Jahren zogen Wolf-Dieter Hasenclever und fünf weitere Grüne in den Stuttgarter Landtag ein: der erste Erfolg der neuen Partei in einem Flächenstaat.

Guatemala: Krise

Seit Jahresbeginn befindet sich der Stern des Generals im Sinken. Seine wenig glückliche Hand in Wirtschaftsfragen, die Erhöhung der Mehrwertsteuer von drei auf zehn Prozent und weitere einschneidende Steuergesetze haben dazu geführt, daß Arme wie Begüterte den Präsidenten ablehnen.

BONNER BUHNE: Allmählich kommt die Welt wieder in Ordnung

Kein Bonner Sommer ohne Sommer-Theater: In den letzten Jahren bedeutete das, daß sich einige Liberale redlich darum bemühten, den Koalitionsstreit anzufachen, weil nur eine "zerstrittene" Koalition als Argument für den Absprung aus dem Bündnis mit Helmut Schmidt und der SPD dienen konnte.

Die Souffleure der Kanzler

Alle Kanzler dieser Republik – die einenmehr, die anderen weniger – haben sich Informanten, Zuarbeiter, manchmal auch Ratgeber außerhalb ihres Apparates gesucht.

Fernseh-Zeit: Nach Gutsherrenart

Was sich die Intendanten der ARD, Gralshüter unbestimmter Teleweisheiten, kürzlich in Saarbrücken wieder einmal abgekniffen haben, hätten sich nicht einmal die mächtigen Bosse von Gruner + Jahr getraut.

Polizisten vor Gericht: Zu Folterzellen

Der Tatort und der Gerichtssaal liegen ganz nah beieinander. Vom Portal des Düsseldorfer Landgerichts in der Mühlenstraße sind es keine zweihundert Schritte zum Eingang des Polizeireviers, dessen Beamte für die Sicherheit des Kneipenviertels mit dem Idylle vortäuschenden Namen Altstadt zu sorgen haben.

Wer nach dem Staat ruft...

An der Saar steht es wieder einmal Spitz auf Knopf: Entweder der Staat zahlt, oder die Arbed Stahlwerke mit 17 500 Beschäftigten gehen pleite.

Drückende Devisennot

Einen Kredit von tausend Millionen Mark kann die DDR gut gebrauchen. Wie andere Ostblockstaaten hat die DDR in den siebziger Jahren versucht, die Produktivität ihrer Wirtschaft mit westlichen Krediten zu steigern.

Bonner Kulisse

Der „heiße Herbst“, den manche Tarifexperten demnächst heraufkommen sehen, wenn der Konflikt zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern in der Frage der Arbeitszeitverkürzung ausgetragen werden muß – dieser heiße Herbst wird wohl auch in Bonn zu spüren sein.

Arbeitszeit: Glaubenskrieg

Die Arbeitslosigkeit steigt und steigt. Auch der Juni hat die Wende nicht gebracht, bestenfalls eine kleine Verschnaufpause.

Sozialhilfe: Grenzen

Weil Sparsamkeit beim Staat gerade aktuell ist und weil sie gerade bei großen Ausgabenblöcken viel bringt, möchte Finanzminister Gerhard Stoltenberg noch fürs nächste Jahr auch den Anstieg der „Hilfen für den Lebensunterhalt“, des Herzstücks der Sozialhilfe also, begrenzen – auf 1,5 Prozent.

Wettbewerb: Wolfgang Karttes neues Kaliber

Die Untersagungsverfügung des Bundeskartellamtes gegen den Zusammenschluß der deutschen Zigarettenfirmen Philip Morris und Martin Brinkmann wurde letzte Woche vom Kartellamt des Berliner Kammergerichts weitgehend bestätigt.

Einigungsstelle: Schlichter ohne Grenzen

Den ministeriellen Trotz erregte ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Berlin. Dort unterlag der Minister am Freitag vergangener Woche in einem Rechtsstreit zwischen dem Vizepräsidenten des Landesarbeitsgerichts in Hamm, Werner Brill, und dem Land Nordrhein-Westfalen.

Verlage: Verscheuchen, was getäuscht hat

Zu berichten ist von Unternehmern, die versuchten, die Zukunft in den Griff zu bekommen; davon, daß diese Zukunft bald begann und nun ihrerseits Zugriff nahm; und davon, daß die dermaßen Ergriffenen die selbstgewählte Zukunft nicht mehr wollen und versuchen, sie mit Hilfe der Justiz zu verscheuchen.

Vereinigte Staaten: Störenfriede am Himmel

Von Glamour keine Spur. Hier weht kein Duft der großen weiten Welt: Die schäbigen Räumlichkeiten im Nord-Terminal des internationalen Flughafens von Newark in New Jersey, wo die People Express Airline ihre Fluggäste abfertigt, erinnert mehr an eine Greyhound-Bus-Station als an eine Flughafen-Schalterhalle.

Zeit spart Geld

Zur Zeit werden in der Bundesrepublik Beteiligungen ab 20 000 Mark an Jojopa(Ölfrucht)-Plantagen in den USA angeboten. „Für einen Nicht-Landwirt ist die Beurteilung der Qualität eines solchen Farmengagements nicht möglich“, warnt der Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Schimmelpfeng, Wolfgang Spannagel.

Börsen-Report: Wall Street bestimmt

Die Rentenhändler der Banken sind enttäuscht. Obwohl mehr als sechs Milliarden Mark zum 1. Juli an Zinsen an die Kundschaft ausgezahlt und weitere Milliarden durch Tilgungen frei geworden sind, konnte in den ersten Tagen nach dem Halbjahresultimo von einer regen Wiederanlagetätigkeit keine Rede sein.

Bertelsmann: Kopflos in die Krise

Seit Wochen versucht sich Mark Matthias Wössner in moralischer Aufrüstung: „Die Lage ist besser als die Stimmung, die uns immer wieder angedichtet wird“, versichert der Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann bei jeder Gelegenheit.

MANAGER UND MÄRKTE

In der Börse hat die Jagd auf Novitäten groteske Formen angenommen. Die Ende Juni zum Preis von 200 Mark je 50-Mark-Stück zur Zeichnung angebotenen Aktien der SM Software AG, München, wurden Anfang dieser Woche zum Kurs von 570 Mark in den Börsenhandel eingeführt.

Der Ölpreis bleibt stabil

Buddenberg: Wir haben derzeit Öl weltweit im Überfluß, aber an den Folgen der letzten Ölpreisexplosion leidet die Weltwirtschaft noch immer: steigende Arbeitslosigkeit, ungleichgewichtige Zahlungsbilanzen und so gut wie kein Wirtschaftswachstum.

ZEITRAFFER

In der Bundesrepublik waren im Juni immer noch über 2,1 Millionen Männer und Frauen ohne Arbeit. Die Arbeitslosenquote sank zwar im Vergleich zum Mai dieses Jahres um 0,1 Prozent, doch diese schwache Verbesserung war nur saisonal bedingt.

Inflationsbekämpfung: Ohne Rücksicht auf Verluste

Warum freuen wir uns nicht? Warum sieht man davon ab, den Sieg zu feiern? Warum triumphieren sie nicht, die Feldherrn und ihre vielen Herolde? Seit Jahren verkündeten sie unablässig nur die eine Botschaft, als ob es keine andere gäbe: Wir müssen das unbändige Monstrum bezwingen, wir müssen sie niederkämpfen, die Inflation, und dann wird allmählich alles wieder gut.

Japan: Angst vor dem Aufschwung

Kaum war der Industriestaatengipfel von Williamsburg für Premier Nakasone ohne die gefürchtete Verurteilung der japanischen Handelspolitik beendet, gab das mächtige Ministerium für Handel und Industrie (Miti) eine überraschende Parole aus: „Japan muß mehr importieren.

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