Im Dunstkreis allgemeiner Betretenheit, in der nach den italienischen Wahlen die scheinbaren Verlierer ebenso wie die vorgeblichen Gewinner verharren, ist noch lange keine stabile Regierung in Sicht.

Zwar hätte die alte Fünferkoalition (aus Christdemokraten, Sozialisten, Republikanern, Sozialdemokraten und Liberalen) auch im neuen Parlament, das am 12. Juli zusammentritt, eine ausreichende Mehrheit: im Senat 24, in der Kammer sogar 50 Sitze. Doch nicht nur die neue Verteilung der parteipolitischen Gewichte ist umstritten, vor allem geht es, wie immer schon, um Personen, zumal um die Frage, wer als Regierungschef für alle Koalitionspartner erträglich und zugleich einem verdrossenen Wählervolk vorzeigbar wäre. Denn immerhin haben 18 Prozent aller Wahlberechtigten entweder nicht gewählt oder ungültige und weiße Stimmzettel abgegeben, eine Verweigerung, die es in Italien in solchem Ausmaß nie gab.

Die Parteien, deren Führungsgremien sich fast zögernd zusammenfinden, sind jetzt damit beschäftigt, ihre Enttäuschungen zu beschönigen und wieder einmal ihren Mangel an strategisch-programmatischen Vorstellungen durch taktische Überlegungen zu überspielen. Dem christdemokratischen Parteichef De Mita dürfte die Opferrolle des Sündenbocks vorläufig erspart bleiben. Nicht nur, weil sich seine Parteifreunde gerade jetzt unter dem Schock eines Stimmverlustes von 5,4 Prozent nur schwer auf einen Nachfolger einigen könnten; auch darum, weil sie alle, nicht nur er, von Gewissensbissen geplagt werden. Pater Sorge, ihr klügster politischer „Seelsorger“, hat in der Civiltá Cattolica schwachen Trost zur Hand: Die Niederlage habe als Warnung auch ihr Gutes; zu spät habe die Partei ihren Weg von der katholischen zur nicht-konfessionellen, gleichwohl an christliche Moral gebundenen Partei angetreten.

Zweifellos haben sich die Skandale und Affären der letzten Jahre ausgewirkt, aber nicht nur zum Schaden der Democrazia Cristiana, die etwa in Bari, einer ihrer südlichsten Hochburgen, von 42 auf 33 Prozent zurückfiel. Auch die Sozialisten sind von den Wählern bestraft worden: In Turin, wo ihr Parteichef Craxi vor drei Jahren den neuen reformistischen Kurs einleitete, ihre Stadtverwaltung jedoch unter Korruptionsverdacht geriet, sind sie von 14 auf 10 Prozent geschrumpft. Überhaupt läßt der Gesamtgewinn der Sozialisten von 1.6 Prozent die verkrampften Siegesrufe Craxis nicht sehr überzeugend wirken. Da die Christdemokraten die stärkste Partei bleiben, vollen sie sich weder in die Armesünderecke verbannen lassen, noch einen allzu hohen Preis für die neue Koalition zahlen. Ein Versuchsballon des Sozialisten Formica, der eine Fünferkoalition unter Craxis Führung auch an die Kommunisten anlehnen wollte, ist von Craxi selbst sofort dementiert worden, ließ aber auch Christdemokraten und Kommunisten unbeeindruckt. Das große Feilschen, hinter dem sich der Republikaner Spadolini als ehrlicher Makler bereithält, wird wohl den ganzen Sommer dauern. Es sei denn, man wollte durch eine Scheinlösung für die Badesaison den Verdruß im Wählervolk noch steigern.

„Die Parteien haben ihre Vermittlerfunktion zwischen Gesellschaft und Institutionen kompromittiert, ... sich wie ein Krebsgeschwür in der Gesellschaft ausgebreitet und den Staat okkupiert“, so formuliert Pater Sorge seinen bösen Befund. Noch gibt es kaum Ansätze, diese Diagnose zu widerlegen. Das Selbstgespräch der Parteien geht auch da, wo es selbstkritisch ist, weitgehend an den Ohren des Landes vorbei.

Hansjakob Stehle (Rom)