Über Prag, wo er fast sein kurzes Leben lang lebte, schrieb Kafka einmal: „Dies Mütterchen hat Krallen.“ In Prag haben jetzt Angehörige der österreichischen Botschaft, der jüdischen Kultusgemeinde und einige Freunde seiner Werke den Dichter geehrt. Aus Anlaß seines hundertsten Geburtstages legten sie, jüdischem Brauch folgend, Steine an seinem Grab nieder. Ansonsten tat Prag nichts. Aus Angst vor Kafka?

Auf der berühmten Kafka-Konferenz 1963 in Liblice, wo der Ostblock zum erstenmal offen über Kafka diskutierte, begann der „Prager Frühling“. Heute ist Kafka im Osten abermals Konterbande. Die Zeitschrift des Schriftstellerverbandes der DDR neue deutsche literatur bringt keine offizielle Würdigung zustande. Zum Geburtstag dokumentiert sie (aus einem westdeutschen Buch) die zeitgenössische Rezeption – nicht die eigene, zunächst verbotene, dann verlogene.

Erst nach seinem Tod werde der Schriftsteller richtig beurteilt, schrieb Kafka: „Es wird sichtbar, ob die Zeitgenossen ihm oder er den Zeitgenossen mehr geschadet hat, in letzterem Fall war er ein großer Mann.“ Grn.