Der Mediengigant aus Gütersloh war für schlechte Zeiten nicht gerüstet

Von Gunhild Freese und Richard Gaul

Seit Wochen versucht sich Mark Matthias Wössner in moralischer Aufrüstung: „Die Lage ist besser als die Stimmung, die uns immer wieder angedichtet wird“, versichert der Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann bei jeder Gelegenheit.

Die Stimmung in der Konzernzentrale ist gründlich verdorben, seit vor nicht einmal zwei Monaten die stern-Affäre über die Bertelsmänner hereingebrochen ist – ohne Vorwarnung, wie aus heiterem Himmel. Die im Konzern zwei Jahre geheimgehaltene historische Sensation der entdeckten „Hitler-Tagebücher“ war in nur wenigen Tagen zur epochalen Blamage des ehrgeizigen Hamburger Magazins geschrumpft. Das Verlagshaus Gruner + Jahr, größte und attraktivste Tochter des Gütersloher Multi-Media-Konzerns, nahm ebenso Schaden an seinem liberalen Image wie die in Konflikten ungeübte Muttergesellschaft.

So machte die „Tragödie in drei Akten“ (Mark Wössner) den Berteismännern nicht nur erneut deutlich, wie fern ihnen der Hamburger Konzernteil unverändert geblieben war. Erstmals sah sich das Sechs-Milliarden-Mark-Unternehmen auch öffentlicher politischer Kritik ausgesetzt. Denn während Ende der sechziger Jahre der Berliner Zeitungskonzern Springer im Mittelpunkt der wütenden Studentenproteste gestanden hatte, konnte das Gütersloher Unternehmen ganz ungestört und fast unbeachtet von der Öffentlichkeit einen Wachstumsprozeß ohnegleichen starten.

So warf denn vor allem die Bewältigung der stern-Krise erste Schatten auf ein eigentlich lichtes Bild. Beim stern-Konflikt war ein wichtiger Teil des „Bertelsmann-Modells“ plötzlich vergessen. Der eine Teil des Modells sind die Mitarbeiterbeteiligung und die Pensionsregelung; hier gilt Bertelsmann als vorbildlich. Der zweite, von Reinhard Mohn immer wieder beschworene Grundsatz aber ist: umfassende Information, Mitsprache durch Delegation von Verantwortung, weitgehende Selbständigkeit der einzelnen Firmen. All das galt in Hamburg nicht mehr. In panikartiger Eile setzte Gütersloh der total überraschten stern- Redaktion zwei neue Chefredakteure vor die Nase. Wieso der Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr, Schulte-Hillen, und der stem-Herausgeber Henri Nannen diesen „Wunsch“ aus Gütersloh schlicht der stern-Redaktion als endgültige Entscheidung übermittelten, bleibt ein Rätsel. Da hat die „Delegation von Verantwortung“ doch wohl nicht funktioniert. Der Konflikt mit der uninformierten und ungefragten Stern-Redaktion war damit unausweichlich.

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