Eigentlich sah die Tagesordnung vor, daß der Genosse Lenin als letzter das Wort ergreifen sollte. Doch überraschend trat er als erster ans Pult: „Ich bin sehr leidend, es geht nicht anders“, entschuldigte er sich. Lenin regierte die Sowjetunion, aber er war nicht mehr in der Lage, den VIII. Kongreß der Sowjets durchzustehen. Freilich sollte er sich noch drei Jahre an die Macht klammern, obwohl er nach zwei Schlaganfällen bald nicht mehr schreiben und nur mühsam sprechen konnte.

Der Wille zur Macht ist stärker als jede Krankheit. Diktatoren ebenso wie demokratisch gewählte Staatschefs negieren solange wie möglich ihre Leiden – vor sich selber und vor der Öffentlichkeit. Doch früher oder später werden ihre Gebrechen – wie im Falle Lenins oder nun Andropows – Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Roosevelt, Stalin, Nasser, Pompidou, Franco, Breschnjew, Tschu En-lai und Mao Tse-tung: Sie wußten alle, daß sie schwer krank waren; aber keiner trat zurück.

Nach seinem ersten Herzinfarkt beschloß Präsident Eisenhower, nun wolle er sich nicht unterkriegen lassen und erst recht um seine zweite Amtszeit bewerben. John F. Kennedy verschwieg, daß er an der äußerst seltenen Bronzehaut-Krankheit litt, einer gravierenden Hormon-Störung. Ständig führte er deshalb und wegen seines Rückenleidens „mehr . Pillen als in einer ganzen Poliklinik zu haben sind“ mit sich, so schilderte es später sein Sprecher Pierre Salinger.

In einem 380 Seiten starken Buch* schilderten der französische Publizist Pierre Accoce und der schweizerische Mediziner Pierre Rentchnick die Krankengeschichte von zwei Dutzend Staatsmännern des 20. Jahrhunderts. Ihr beunruhigendes Fazit: Kranke Staatschefs sind „selten in der Lage, ihren Zustand richtig zu beurteilen“ und die Konsequenzen zu ziehen. So werden denn viele Länder „von Kranken regiert“. Für die Mächtigen ist Gesundheit kein Faktor.

„Ich bin mit dem Tod verlobt“, sang der greise Franco vor sich hin – 23 Ärzte konnten sein Leben nicht erhalten. „Jeder hat seine Sorgen. Nixon muß mit Watergate fertig werden und ich, ich werde sterben“, spaßte zum Schein Georges Pompidou – ein halbes Jahr später starb er an der Waldenström-Krankheit, einer Blutvergiftung. „Ich hätte keinen besseren Zeitpunkt für meinen Herzinfarkt wählen können. Die Wirtschaft ist im Aufschwung, der Kongreß im Urlaub“, freute sich Eisenhower. Die Verantwortungslosigkeit der Kranken an der Macht, so die Autoren Accoce und Rentchnick, kennt keine Grenzen. Auf der langen Reise nach Jalta las der todkranke Roosevelt Krimis, weil er nicht mehr die Kraft aufbrachte, die Dossiers zu studieren. Als er in München Hitler aufsuchte, wußte Chamberlain offenbar, daß er an Krebs erkrankt war. Tschu En-lai behielt bis zuletzt die Zügel in der Hand, obwohl er künstlich ernährt werden mußte.

Viele Staatsoberhäupter nehmen nicht die geringste Rücksicht auf ihre Gesundheit: Jahrelang rauchte de Gaulle drei Päckchen „Navy Cut“ täglich; auch Roosevelt, Eisenhower, Churchill und Nasser waren starke Raucher. Dafür ließ der Ägypter laut Accoce und Rentchnick seinen Arzt Anwar el-Mufti umbringen: Der Medikus hatte dem schweren Diabetiker Nasser angedeutet, daß er eines Tages nicht mehr in der Lage wäre, die Regierungsgeschäfte zu führen. Stalins Ärzten sollte es ebenfalls an den Kragen gehen.

Und auch der herzkranke US-Präsident Thomas Woodrow Wilson blieb trotz ärztlicher Warnungen im Weißen Haus. Seine Frau erklärte den besorgten Staatssekretären: „Eine Demission von Präsident Wilson hätte schlechte Auswirkungen auf seinen Gesundheitszustand.“